Kanarentörn November 2009
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"Was hältst Du davon, im nächsten Herbst auf den Kanaren zu segeln?" So lautete die Frage, die mir Iris aus dem SKS-Theorie-Kurs stellte, als wieder einmal ein kalter Schauer gegen die Fensterscheiben klatschte und der Wind die Tür zur Kneipe aufdrückte, in der wir saßen und darüber sinnierten, wo man wohl den Sommer verlängern könne, ohne allzu weit fliegen zu müssen. Die Idee hatte Charme – guter Segelwind, Sonne und vor allem Temperaturen von 25°!

Und so steckten wir schon im Dezember 2008 mitten in den Planungen für den November 2009. Mein Freund Ulli, der vor zwei Jahren schon einen Törn auf den Kanaren durchgeführt hatte, versorgte mich umgehend mit Karten und Informationen zum Revier. Er hatte sehr gute Erfahrungen mit der Charteragentur Master Yachting gemacht und so war auch mein Vertrauen schnell da, als ich um eine Yacht in der Größenordnung von 40 ft bat und mir Minuten später die ersten Angebote auf mein E-Mail-Konto flatterten. Schnell waren sechs Segelbegeisterte gefunden. Mehrmals trafen wir uns, um die Details zu besprechen. Unser Plan war, an allen Orten, die wir anlaufen würden, ein Auto zu mieten und die Inseln zu erkunden. Iris und Walter kümmerten sich um die Flüge und Mietwagen. Außerdem bekam jedes Crewmitglied von mir den Auftrag, die Reiseführer zu durchstöbern und Highlights auf den Inseln herauszusuchen. Die Einkaufsliste musste erstellt und schließlich die Chartergebühr bezahlt werden.

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Am 23.10. saßen wir nun in freudiger Erwartung im Flieger nach Santa Cruz de Teneriffa. Mit zwei Taxen ging es zur Marina del Atlantico, wo wir vom sehr freundlichen Stationsleiter und seiner Frau schon erwartet wurden. Unsere Yacht „El Cilantro“, eine Oceanis 393, war schon sechs Jahre alt und damit für eine Charteryacht weit über ihre Jugendjahre hinausgewachsen, so dass noch ein paar Reparaturen anstanden. Nach einem genialen Essen gingen wir auf einen Absacker in ein nahe gelegenes Café, das uns mit Live-Musik angelockt hatte. Ein Gitarrenspieler der Extraklasse zauberte aus seinem Instrument alle geläufigen Songs der letzten 150 Jahre. Dazu gesellte sich wenig später noch ein einheimischer Harfespieler, der den an der Wand hängenden Plakaten zufolge eine Berühmtheit sein musste. Dazu gab es Wein und Gesang auf spanische Art.

Für alle – bis auf den Skipper – war es der erste Törn auf dem Atlantik. Würde uns die Seekrankheit heimsuchen, wie hoch sind die Wellen und was ist mit Walen und Delphinen? Die Anspannung war groß uns so fuhren wir am Auditorium, dem Wahrzeichen von St. Cruz, vorbei hinaus in die berüchtigte Düse zwischen Teneriffa und Gran Canaria. Flaute und Motoren statt 3. Reff im Groß erwarteten uns. Erst als wir frei von der Küste waren, setzte eine leichte Brise ein. Faszinierend, wie herrlich blau Wasser sein kann – das habe ich in dieser Farbenpracht noch nirgendwo so gesehen. Und plötzlich ein verzückter Aufschrei: Eine Gruppe von etwa zehn Delphinen umkreiste eine halbe Stunde lang unser Schiff.

Nach 30 sm ragten vor uns die schroffen Felsen im Süden Gran Canarias steil aus dem Meer empor. Kaum zu glauben, dass wir fast 2000 Meter Wasser unter unserem Kiel hatten. Kurz vor der Einfahrt packten Peter, Pat und ich noch unser Angelgeschirr weg und da passierte es: Ich zog mir einen hochstehenden Angelhaken neben dem Fingernagel ins Nagelbett. Ein Fluch, der an dieser Stelle nicht wiederholt werden darf, schallte übers Deck, gefolgt von dem Versuch, den Finger wieder von seinem Schmuck zu befreien. Wieso haben diese doofen Dingereigentlich einen Widerhaken? Es nutzte alles nichts, ich musste die Wunde weiten, damitich den Haken drehen konnte, um ihn herauszuziehen. Dank Barbara, die in Ihrem Seesack noch Platz für eine ganze Apotheke zu haben schien, konnte mein Finger vor der Amputation gerettet werden ...

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Noch vor Einbruch der Dunkelheit kamen wir in Puerto de Mogan an und bekamen dort einen der wenigen noch freien Plätze an der Mooring. Dieser Hafen gehört zweifelsfrei zu den schöneren auf den kanarischen Inseln und war entsprechend gut belegt. Am nächsten Morgen machten sich Iris und Walter auf den Weg nach Puerto Rico, um unsere Mietwagen abzuholen. Wer abseits der nicht wirklich schönen Küstenorte schroffe Landschaften, kleine Orte und viel Natur erleben möchte, für den ist eine solche Tour ein absolutes Muss. Besonders empfehlenswert war auf unserer Tour der Kakteengarten in San Nicolas de Dolentino.

Am nächsten Tag ging es weiter nach San Miguel – einer relativ neuen Marina – im Süden von Teneriffa. Wieder begann der Segeltag mit einer Flaute. Eine kleine Gruppe Wale zog in gebührendemAbstand an uns vorbei und alle paar Minuten hörten wir ihren Blas. Gegen Nachmittag konnten wir endlich ein wenig segeln. Erneut hatten wir von den gefürchteten Starkwinden nichts mitbekommen, so genossen wir die Sonne und die angenehmen Temperaturen in vollen Zügen. San Miguel war nicht besonders hübsch, sondern ein Retortendorf mit Hotelanlagen und Diskotheken. Und hier begegneten wir auch zum ersten Mal einer Kakerlake – zum Glück hatte sie das Zeitliche schon gesegnet. Am nächsten Morgen fuhren wir dann in die Berge von Teneriffa. Ziel war heute der Teide – mit über 3.700 m der höchste Berg Spaniens.

Oberhalb der Baumgrenze tat sich eine bizarre Welt auf. Am Fuße des Teide waren in der Vergangenheit immer wieder Vulkane ausgebrochen und hatten die Landschaft geprägt. Noch immer wächst kaum ein Halm in dieser schroffen Lava-Wüste, obwohl der letzteAusbruch schon über 200 Jahre zurück liegt.

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Bisher hatte unsere Planung bestens gepasst, jedoch muss man auf den Kanaren auch mal zwei bis drei Hafentage wegen Starkwind einplanen. Deshalb hatte ich bei der Planung eine alte Maxime beherzigt, nach der man am Anfang eines Törns die größeren Distanzen zurücklegen sollte. Der nächste Tag begann wieder mit schwachem Wind. Mit gemächlichen 4–5 Knoten zog die Oceanis ihre Bahn durchs Wasser Richtung La Gomera. Achteraus kreuzte eine Gruppe Orcas unseren Weg. Wenig später hieß es Segel bergen, Motor aus und fertig machenzum Schwimmen. Diesmal war der Ozean fast 2500 m tief und das wollten wir uns bei angenehmen 23° Wassertemperatur nicht entgehen lassen. Bis auf Peter und Barbara, die aus Furcht vor der großen Tiefe lieber „nach Haien“ Ausschau halten wollten, sprangen wir alle ins kühle Nass. Wir tollten wie die Kinder im Wasser herum. Wir wollten gerade die Segel wieder setzen, als Iris in der nassen Plicht ausrutschte und man es förmlich knacken hörte: Einer Ihrer Zehen blieb in einer Fuge hängen und war gebrochen. San Sebastian war aus meiner Sicht noch schöner als Puerto de Mogan. Der Hafen war wunderbar eingebettet in die von der tiefstehenden Sonne rot beleuchteten Berge und die Hafenanlage sehr gepflegt. Am nächsten Morgen zog sich das Einklarieren ein wenig hin und wir konnten erst mit Verspätung auslaufen. Man merkte, dass wir in südlichen Gefilden waren und die Arbeitsweise deutlich entspannter vonstatten ging als bei uns zu Hause.

Heute wollten wir draußen ein paar Manöver üben. Bei fast 30° im Schatten tat der Fahrtwind richtig gut. Komisch, wenn ich aufs Wasser hinausschaute, war das Meer nur eine halbe Meile weiter draußen mächtig aufgewühlt und übersät von Schaumkronen. Das war er also, der Düseneffekt, oder zumindest die in den Seekarten angegebene Zone der verstärkten Winde. Ich ließ ein Reff einbinden und wir motorten bis an den Rand der Zone. Sofort legte der Wind auf fast 6 Bft zu und wir banden das zweite Reff ein. Die beiden Yachten, die eben an uns unter Vollzeug vorbei gesegelt waren, lagen wenig später mächtig auf der Backe. Jetzt waren wir immerhin gewarnt, dass Kanarensegeln eben doch nicht nur Kaffeesegeln ist.

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Am Nachmittag machte jeder für sich einen Streifzug durch die Stadt. La Gomera hatte aus meiner Sicht auf engerem Raum mehr zu bieten als die beiden größeren Inseln. Sie ist deutlich grüner und hat einen Regenwald. Normalerweise ist sie dauerhaft von einer dicken Wolke bedeckt, aber ausgerechnet heute bescherte sie uns einen herrlichen Tag. Vom Gipfel aus hatten wir eine tolle Rundumsicht; über Hierro, La Palma, Teneriffa konnten wir sogar noch schemenhaft das mehr als 150 km entfernte Gran Canaria erkennen. Wir ließen eine Wanderung durch den Regenwald folgen. Dann ging es ins berühmte Valle Gran Rey und zunächst beeindruckte der Blick ins tief eingeschnittene Tal, das sich mehr als 500 m unter uns in RichtungAtlantik aufweitete. Hohe Wellen klatschten gegen den Strand, als wir uns im Ort der alternden Hippies in ein Café setzten. Pat und ich konnten nicht anders als uns in die drei bis vier Meter hohen Brecher zu stürzen und dabei gehörig durcheinander gewirbelt zu werden.

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Erst am späten Abend fuhren wir im Dunkel der Nacht wieder zurück zum Yachthafen. Der Wind hatte zugelegt und pfiff mit Sturmstärke die Berghänge hinab. Laut Wetterbericht sollte er im Laufe des Tages noch zunehmen und so machten wir uns schon um kurz vor acht Uhr auf den Weg in Richtung La Palma. Mein Plan war, zunächst unter Motor gegen die kräftige Düse anzufahren. Der Wind sollte aus NE mit 5–6 Bft wehen, er wurde aber durch die steilen Berge auf La Gomera auf NNW abgelenkt und verstärkt. Wir hatten alle unsere Automatikwesten und Lifebelts angeschnallt. Unsere Yacht war plötzlich so klein wie die Ente in der Badewanne. Segeln war bei diesen Verhältnissen unmöglich und wenn wir es versucht hätten, wären wir wegen der Oberflächenströmung nach Süden versetzt worden. Ich hatte ständig das GPS im Blick und das zeigte mir an, dass wir dauerhaft mit knapp über 3 Knoten vorwärts kamen. Das war der Indikator, der mich beruhigte. Ich wollte schnell und möglichst weit aus der Düse heraus und das bedeutete, dass wir etwa 5–6 sm in Richtung Norden fahren mussten. Auch rechnete ich damit, dass dann der Wind nicht mehr von La Gomera abgelenkt würde. Wie erhofftdrehte tatsächlich der Wind sprunghaft auf NE und nahm auf 5–6 Bft ab, nachdem wir zwischenzeitlich fast 40 Knoten gegen uns hatten. Noch vor Sonnenuntergang liefen wir wohlbehalten im Hafen ein und erwarben auf dieser Etappe endgültig unsere Seebeine.

Am nächsten Morgen erkundeten wir La Palma. Auf dem Weg zum Südteil fuhren wir kilometerweit durch verbrannte Kiefernwälder. Die Insel ist übersät mit Vulkantrichtern, die sich – wie Jahresringe von Bäumen – entlang eines Grates von der höchsten Erhebung der Insel(2.400 m), bis hier in den Süden erstrecken. Die vulkanischen Aktivitäten dieser Insel machenvielen Wissenschaftlern sehr zu schaffen; sie befürchten, dass in absehbarer Zeit ein Teil der Insel ins Meer abgleiten und einen Tsunami auslösen könnte. Am nächsten Tag machten wir uns alle wieder in zwei Mietwagen auf den Weg. Durch handgeschlagene Tunnel, vorbei an riesigen Dracaenas und wundersamen Felsformationen bei El Tablado, ging es hinauf bis zu den Observatorien beim Roque de los Muchachos. Weit oberhalb der Wolkendecke konnten wir bei kühlen 12° einen Blick in die Tiefe der Caldera werfen.

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Am nächsten Tag lag der letzte große Schlag vor uns. Ständige Bewegung und Lärm von den Fähren, die im benachbarten Becken lagen, beraubten mich zuvor der wohlverdienten Nachtruhe. Das mochte einer der Gründe gewesen sein, dass in diesem Hafen nicht viele Yachten lagen. Bei leichtem Wind aus nördlichen Richtungen konnten wir unseren Kurs auf die Nordspitze von Teneriffa zunächst gut halten. Es war kühler als an den Tagen zuvor und die Sonne neigte sich hinter La Palma langsam gen Horizont, als endlich – am letzten Segeltag – eine buntschillernde Goldmakrele an der Paternoster von Pat hing. Als wir die Makrele schon an Bord hatten, schüttelte sie sich mit letzter Kraft vom Haken und verschwand mit einem beherzten Satz wieder in den blauen Fluten des Atlantiks. Die Anglerfraktion war ein wenig geknickt, nur der weibliche Teil unserer Crew freute sich, dass der Fisch überlebt hatte.

In Höhe von Puerto de la Cruz schlief nachts der Wind ein und an Segeln war kaum mehr zu denken. Dann plötzlich eine Schauerböe mit fast 5 Bft. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei und wir dümpelten wieder. Das war nervenaufreibend und ärgerlich, weil wir nicht – wie erhofft – einen ruhigen Nachtschlag hatten. In regelmäßigen Abständen gab es jetzt Böen und Windstille im Wechsel. Das ging so lange, bis Iris trotz des auf Anschlag stehenden Ruders einen Vollkreis unter Segeln drehte. Es war gegen drei Uhr nachts, als es nicht mehr anders ging: Wir starteten den Motor. Die Rundung des Nordkaps war auf diese Weise nicht sonderlich schwierig. Wir kamen nach 110 sm und 22 Stunden völlig übermüdet, aber glücklich wiederim Hafen von St. Cruz de Teneriffa an.

Wir beendeten unseren Törn, wie wir ihn begonnen hatten – im Café, mit dem genialen Gitarrenspieler.


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