|
Heute Abend soll es losgehen: wir wollen nach Workum und dann ab morgen mit der Crew auf unseren Törn nach London. Wir - das sind Barbara und Peter, Erik, Detlef, Volker und ich.
Nach dem etwas anstrengenden Weg nach Holland (Stau - das übliche Problem vor einem langen Wochenende) werden die Kojen verteilt, die Entspannung fängt langsam an und auch die Vorfreude auf den Törn nimmt konkrete Formen an:
Unsere Törnplanung sieht vor am ersten Tag nach Ijmuiden zu segeln und von dort aus die Überfahrt zu starten. Erstes Ziel in England soll, wenn es mit der Tide passt, Woodbridge im River Deben sein. Danach soll es über Harwich in die Themse und nach London gehen.

Der erste Tag startet urlaubsmäßig: Sonne, angenehme Temperaturen - nur der Wind ist noch ein wenig dürftig. Und das frühe Aufstehen fällt am ersten freien Tag auch noch etwas schwer, aber die Vorfreude macht es möglich: wir wollen heute schließlich bis Ijmuiden kommen.
Zuerst steht jedoch ein wenig Schwerstarbeit an: die Herren müssen Volker in den Mast ziehen - wir haben neue Wanten und die sollte man zumindest kurz kontrollieren - Sicherheit geht vor.
Doch dann geht es endlich los. Allerdings geben wir nach einem kurzen Versuch das Segeln ohne Wind erst einmal auf und fahren lange unter Motor, bis am Nachmittag doch noch ein wenig Wind aufkommt und unsere "Spi(el)-Kinder" einen Grund finden das bunte Segel auszupacken.
Nach einem Abendessen auf dem Nordseekanal erreichen wir gegen 22:00 Uhr Ijmuiden und damit den Ausgangspunkt für die Überfahrt.
Dies ist einer der Tage, wo der Wetterbericht mal wieder vollkommen Recht hat: Mehr Wind, später soll es sogar N/NE 5-6 werden. Die Richtung stimmt ja, aber muss es direkt so viel Wind auf einmal sein? Naja, dafür haben wir dann eine schnelle Überfahrt.
Also verschieben wir unser Ablegen noch ein wenig nach hinten: wir wollen nicht in der Nacht, sondern erst am nächsten Morgen an der Ansteuerung sein - vor 11:00 Uhr kommen wir wegen der Strömung nicht in den River Deben.
Aber gegen Mittag machen wir dann die Leinen los und segeln auf die Nordsee. Anfangs im ersten Reff, später in der Nacht sogar im 2. Reff, machen wir uns auf den Weg nach England. Und der Wind wird auch immer mehr. Aber es ist nicht der Wind, sondern die Wellen schräg von hinten, die dann auch Teile unserer Crew und den Wachplan ein wenig durcheinander bringen.
Für die unerfahreneren Segler ist das Boot nicht ganz so einfach zu steuern: klar der Autopilot macht das schon klasse, aber mein persönlicher Versuch das Steuer zu übernehmen wurde mit einem vielstimmigen Aufschrei "Was machst du da?" rabiat beendet: eine dicke Welle hatte unser Boot recht heftig auf die Seite gelegt. Es bleibt zu sagen, dass ich den Autopiloten noch gar nicht ausgeschaltet hatte!
Auch die Verpflegung ist an diesem Tag nicht ganz so ausgiebig wie sonst: Nur zwei einzelne Herren essen entspannt die Reste vom gestrigen Tag: Seebär müsste man sein.
Aber jede Überfahrt geht einmal zu Ende und gegen 8:00 Uhr erreichen wir die Ansteuerung Woodbridge Haven. Jetzt bleiben doch noch 3 Stunden bis wir in den River Deben können und wir lassen den Anker fallen. Nach einem personenmäßig noch recht stark dezimierten Frühstück gibt es alternativ eine Mütze Schlaf oder aber einen schönen Ausblick auf die Englische Küste.
Kurz vor Mittag können wir uns dann auf den Weg in den Fluss machen. Ein nicht ganz so einfaches Unterfangen: hier an der Einfahrt ist eine Sandbank, die sich immer wieder verlagert und nur drei Tonnen, deren aktuelle Koordinaten immer im Internet abzurufen sind. Und eine Strömung die das Boot richtig quer stellt.
Aber dafür entlohnt dann die Fahrt durch den Fluss - wunderschönes ländliches England, kleine Orte, Landhäuser und Landschaft. Und dann kommt Woodbridge in Sicht. Hier müssen wir allerdings noch einmal an einer Mooring warten: es gibt einen Süll und den kann man erst überqueren, wenn das Tidenauge unsere 1,85 m Tiefgang anzeigt. Dachten wir. Der Reeds sagt, dieses Tidenauge wäre sehr genau. Aber unser erster Versuch bei knapp über 1,85 m endet mit einem "Doing". Der zweite Versuch bei gut 1,90 m klappt auch noch nicht. Erst bei 1,95 m rutschen wir so gerade über den Süll - entweder ein Fehler der Werft oder zu viel Ladung ;-)) Auf jeden Fall korrigieren wir unseren Tiefgang zukünftig auf 2 m.
Nach einem ersten Landgang durch den Ort und einem ersten Bier im englischen Pub beschließen wir den schönen Grill im Hafen zu nutzen und Grillen ausgiebig nach der harten Diät für Teile der Crew: Spare Rips, kleine Steaks, Cevapcici, gefüllte Pilze und Paprika und Folienkartoffeln füllen das große Loch im Magen.
Heute ist Hafentag: Ortsbesichtigung und Faulenzen sind angesagt.
Woodbridge ist ein wunderschöner Ort und gefällt uns allen sehr gut. Aber nicht nur der Ort, sondern auch der Hafen und die dazu gehörigen T-Shirts haben es uns angetan. Leider hat man sich entschieden, das Design jetzt umzustellen: die neue Variante gefällt uns aber gar nicht. Aber ein paar Shirts mit altem Design gibt es ja noch: XS, S und 3XL. Damit sind die Damen und die Seebären gut versorgt. Peter entscheidet sich für S und damit für eine harte Diät. Nur Erik hat leider Pech gehabt.
Abends gehen wir im Pub 'The Steelyard' essen. Und wir haben mal wieder richtig gewählt: die Wirtin kommt aus Deutschland und wir bekommen erstklassige Beratung und gutes Essen. Den Abschluss bildet 1a "Sticky Toffee Pudding with creme". Auf Anraten der Wirtin müssen wir die Sahne noch mit Vanilleeis ergänzen - einmalig!
Nachdem wir uns bei der Ausfahrt auch nach Hochwasser und Strömung richten müssen, geht es erst am späten Nachmittag wieder weiter. Wir haben beschlossen Harwich auszulassen und direkt zur Themse nach London zu segeln: das passt mit dem Wind besser und wir gewinnen einen zusätzlichen Tag in London.
Um 18:00 Uhr haben wir den Fluss hinter uns gelassen und erreichen erneut die Ansteuerung Woodbridge Haven. Von hier aus segeln wir durch das Barrow Deep Richtung Themse. Und wir haben anscheinend den richtigen Weg gewählt: viel Schiffsverkehr haben wir nicht, der tummelt sich in der südlichsten Einfahrt. Nur drei große Baggerschiffe begegnen uns auf unserem Weg an den großen Windparks vorbei durch den Mouse Channel.
Morgens um ca. 4:00 Uhr erreichen wir dann Southend-on-Sea und suchen einen geeigneten Platz zum Ankern.
Nach ein paar Stunden Schlaf und einem Frühstück geht es im Sonnenschein hinein in die Themse. An Industrieanlagen und Orten vorbei geht es über mal mehr, mal weniger schöne Ausblicke immer weiter in Richtung London. Die Skyline wächst und schon bald erkennt man die ersten Wahrzeichen (Millenium Dome). Eine klasse Einfahrt in die Stadt! Und eine erste Überquerung des Null-Meridians.
Direkt hinter Greenwich wollen wir in die 'South Dock Marina', wo wir einen Liegeplatz reserviert haben. Nach dem Anfunken wird auch sofort für uns die Schleuse geöffnet und wir können in dem Hafen mitten in einem Wohngebiet, das noch nicht ganz den Status ‚Medienhafen' erreicht hat, festmachen.
Nach dem Anleger war der Tipp des Hafenmeisters auf die Frage nach einem guten Pub dann goldrichtig und die Auswahl der Speisen bei dem Angebot "zwei Burger für den Preis von einem" auch schnell klar.
Heute wollen wir nach Greenwich. Bei der Frage nach Bus, Fähre oder "wie kommen wir hin?" entscheiden wir uns für "zu Fuß" und laufen das Stück teilweise an der Themse entlang teilweise durch Wohngebiete und gewinnen so einen guten Eindruck von dem "normalen" London.
Wir haben uns entschieden heute ein Englisches Frühstück einzulegen und belohnen uns so nach dem Spaziergang bevor wir uns zur Besichtigung des Observatoriums aufmachen. Zusätzliche Stationen sind natürlich der Null-Meridian inkl. Crew-Foto, die Uhrensammlung und ein Besuch des nautischen Museums bevor wir uns - wieder zu Fuß - auf den Rückweg machen.
Gegen 18:00 Uhr legen wir noch mal ab: wir wollen noch weiter in die Innenstadt von London, in die 'St. Katherines Dock Marina', die direkt an der Tower Bridge ist. Nach knapp zwei Seemeilen kommt auch schon die Tower Bridge in Sicht. Und mit ihr eine Reihe von Schiffen, die ebenfalls auf die Öffnung der Schleuse zur Marina warten.
  |
Diese Marina hat ein ganz eigenes Flair und wenn man in London ist, sollte man versuchen hier zumindest einen Tag einen Liegeplatz zu bekommen. Wir haben unseren Liegeplatz schon zwei, drei Wochen vorher gebucht, da diese Marina fast immer ausgebucht ist. Und dabei liegt die Hafengebühr bei knapp 60£ pro Tag und ist damit mehr als doppelt so teuer wie die 'South Dock Marina'. Aber hier macht es die Umgebung - direkt an der Tower Bridge und dem Tower, mitten in einem Viertel vergleichbar dem ‚Medienhafen', hier gehen die Londoner auf dem Weg zur Arbeit vorbei und einen guten Pub gibt es auch noch, in dem wir an diesem Abend die obligatorischen ‚Fish and Chips' essen.
Stadtbesichtigung London - das steht heute auf dem Programm. Also machen wir uns - aufgeteilt in zwei kleine Gruppen - auf den Weg, um zumindest die Hauptsehenswürdigkeiten zu besuchen: Big Ben, Houses of Parlament, Westminster Abbey (bei 16£ Eintritt allerdings nur von außen), Buckingham Palace, Picadilly Circle, Trafalgar Square). Aber auch ein paar Schaufenster müssen wir uns ansehen und zumindest ein Geschäft besuchen, um die unumgängliche Orangen-marmelade zu besorgen. Dieses Geschäft war schon sehr außergewöhnlich: prinzipiell ein Feinkostgeschäft, mehr allerdings ein Kaufhaus, wo die Marmeladen-Abteilung ein Drittel des Erdgeschosses einnahm und es mindestens 150-200 verschiedene Marmeladensorten gab. Da fällt die Auswahl schon schwer.
Während die Anderen später ein wenig entspannen steht für mich noch ein Großprojekt an: Volker hat morgen Geburtstag und wünscht sich einen selbstgebackenen Geburtstagskuchen - der erste Versuch im Gasherd.
Unseren Besuch in London beschließen die Herren dann noch bei einem Abschlussbier im Pub, während beide Damen wegen Erkältung ausfallen und einen ruhigen Abend haben.
Heute müssen wir leider schon wieder unsere Rückfahrt beginnen. Wir haben gerade noch einen Platz in der Schleuse um 9:00 Uhr buchen können und dann fahren wir schon wieder die Themse hinunter. Hier entdecken wir noch einen Pub mit dem Namen "Old Salt Quay" - der Name ist Pflicht, da müssen wir beim nächsten Mal unbedingt hin.
Am Nachmittag ankern wir wieder an derselben Stelle bei Southend-on-Sea wie auf der Hinfahrt: wegen der Strömung müssen wir erneut eine Tide abwarten und können erst abends wieder los. Die Zeit vertreiben wir uns mit Geburtstagskuchen (etwas schwarz von unten aber ansonsten OK) und ein paar Stunden Schlaf bevor wir am Abend wieder die Anken lichten und uns auf den Weg durch die "knöcherne Hand" der Themse Estuary in Richtung Nordsee und Holland machen.
Auch diesmal meint es das Wetter nicht ganz so gut mit uns: bei der gesamten Überfahrt haben wir zwar eine schöne SW/W 3-4, aber in der Nacht zum Samstag erwischt uns dafür ein richtig heftiges Gewitter: für einige von uns die erste derartige Erfahrung.
Dafür geht es aufgrund des wenigen Windes der gesamten Crew diesmal gut, wir können die geplanten Wachen einhalten und entscheiden uns so direkt nach Den Helder zu segeln.
Und dann haben wir noch mehr Glück: nachdem die erste Wache schon morgens eine ganze Delfinschule gesehen hat kommen auch nachmittags noch einmal ein paar Delfine vorbei und begleiten unser Boot ein Stück.
Bisher verlief die gesamte Überfahrt ruhig und nur wenige Schiffe haben unseren Weg gekreuzt. Dies ändert sich dann am Verkehrstrennungsgebiet vor Texel. Hier ist richtig was los: viele Schiffe, Wartungsarbeiten, die man weiträumig umfahren soll inkl. Patrouillenboot - es wird auf jeden Fall nicht langweilig.
Aber das letzte Stück streckt sich doch noch ein wenig und wir sind froh, als wir morgens kurz vor 6:00 Uhr in Den Helder festmachen, einen "Absacker" trinken und in unsere Kojen fallen - nach 218 sm ab London.
Mittags machen wir uns dann noch auf die letzte kurze Etappe nach Workum. Einmal in Den Oever schleusen und schon sind wir wieder im Ijsselmeer und auch bald darauf im Hafen.
Den Abschluss des gelungenen Törns feiern wir dann mit einer Dusche und ein paar Spare Rips im Hafenrestaurant.
Es war ein klasse Törn: Wir haben in den 11 Tage 550 sm zurück gelegt, einiges an Segel-Erfahrung gewonnen und dabei zwei ganz unterschiedliche Ziele in England gesehen: London mit dem Flair der Weltstadt und Woodbridge, eher ländliches England, aber mindestens genauso schön. Beides wird wohl lange in Erinnerung bleiben. Genauso wie der Spruch des Törns: einer der Herren sprach über "den Mann meiner Frau" - wen er da wohl gemeint hat?
Bericht von .
|