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2. Etappe: von Inverness nach Dublin
Sorry for the weather
Man sagt, dass die Schotten ungefähr 30 verschiedene Arten von Regen kennen. Soll man das glauben? Wir haben davon vielleicht sieben bis acht Arten kennen gelernt. Aber auch das ist genug. Man muss ja nicht alles mitmachen. Kalt aber nicht überraschend war auch der feine Hagel in Loch Ness. Fein wie Schlagzucker und genau so schön weiß. Aber die schlimmste von allen Regenarten ist der feine Nieselregen. Fein? Was ist fein? Feiner als Sprühregen. Als ob man bei klarer Sicht durch eine Wolke wandert. Nur ein Hauch von Regen aber er geht durch und durch. Kaum eine Jacke schützt einen vor diesem Regen. Wenn man diesen Regen einmal erlebt hat, kann man gut und gerne auf die anderen 29 Regenarten verzichten. Drizzle, das ist keine Bärenart in Schottland sondern die Bezeichnung für diesen Nieselregen beim Wetterbericht. Drizzle, den man überhaupt nicht braucht.
Unsere Reise begann am Samstag, den 12. Mai 2007 mit dem planmäßigen Flug von Düsseldorf nach London. Guter Plan: Morgens um 7:10 Uhr von Düsseldorf nach Heathrow dort umsteigen und kurz vor 10:00 Uhr weiter nach Inverness. Aber diesen Plan haben wir mit dem Winterflugplan von BMI gemacht und der ist im Mai nicht mehr gültig. Unser Flieger ging erst um 16:15 Uhr. Also was tun? Warten! Über 4 Stunden warten!! Ätzend!
Um 19:00 Uhr landeten wir dann mit einer weiteren Verspätung auf dem sehr kleinen Flughafen in Inverness, von wo aus es dann mit dem Taxi zur Filou ging, wo Carsten uns bereits erwartete. Der erste Kontakt mir dem Straßenverkehr in Schottland ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, da nicht nur das Taxi sondern auch alle anderen Autos auf der linken Seite fuhren. Als wäre es abgesprochen.
Die Landschaft war einfach gigantisch: die Filou lag bereits im Caledonian Canal an einem kleinen Steg - Marina wäre zuviel gesagt. Aber wie auf einem Gemälde, ringsherum grüne, saftige Wiesen und Wälder, dazu weiße Häuser und das stille Wasser des Caledonian Canals. Fast schon kitschig aber einfach nur schön.
Und man konnte bereits sehen, was uns am nächsten Morgen erwarten würde: eine Kanalfahrt mit vielen Schleusen. Die erste Schleusentreppe mit drei Schleusen befand sich nicht weit von unserem Liegeplatz entfernt - die ersten drei Schleusen von insgesamt 29 Schleusen. Auch die Schleusen sehen romantisch aus: schwarze Tore mit weißem Geländer, links und rechts der Schleusenkammer grüner Rasen und daneben frisch gestrichene Wohnhäuschen. Versperrt wird die Einfahrt noch durch eine Brücke - die erste von insgesamt 10 Brücken.
Der Caledonian Canal verbindet die Nordsee im Osten von Schottland mit der Irischen See im Westen. Der Kanal ist 96,5 Kilometer lang - also ca. 50 Seemeilen, von denen 35,4 Kilometer künstlich angelegt sind. Der überwiegende Teil besteht aus natürlich geformten Seen, den sogenannten Lochs.
Es gibt insgesamt 29 Schleusen und 10 bewegliche Brücken, die ausschließlich von freundlichen Mitarbeitern des British Waterways bedient werden. Im Frühjahr liegen die Öffnungszeiten zwischen 8:30 und 17:30 Uhr, wobei man während der Mittagszeit auch vor verschlossenen Toren oder Brücken stehen kann - wie auch wir erfahren mussten.
Die beiden Seeschleusen am Anfang und am Ende des Kanals öffnen nur zu ganz bestimmten Hochwasserzeiten, nämlich 2 Stunden vor bis 2 Stunden nach Hochwasser.
Imposant sind die Schleusentreppen, von denen es 3 große Treppen gibt, bei denen man direkt von einer Schleuse in die nächste fährt. Unsere Reise begann bei der kleinsten Schleusentreppe, die aus 3 Schleusen besteht. Eine weitere Schleusenkette befindet sich in Fort Augustus, wo 5 Schleusen die Schiffe mitten durch den Ort anheben bzw. absenken. Aber die größte Schleusenkette befindet sich in Banavie in der Nähe von Ford William. Hier hebt eine Serie von 8 Schleusen das Schiff um eine Höhe von 21,32 Meter über den Meeresspiegel an. Mit dem Berg Ben Nevis im Hintergrund ist diese Treppe so spektakulär, dass sie liebevoll "Neptune's Staircase" genannt wird.
Am Abend geht es dann noch ins Städtchen etwas essen. Und das kann man ohne Übertreibung sagen: in Schottland isst man sehr gut. Egal ob Fisch- oder Fleischspeisen, alles ist hübsch garniert und schmeckt sehr gut. Preislich liegt es zwischen 12 und 15 Euro. Dazu gehört natürlich ein Ale oder Pint (entspricht 1/8 Gallone oder 0,568 Liter), ein ortsübliches Bier im Halbliterglas. Das zweite Pint (paint gesprochen) nehmen wir in einem Schottischen Pub mit Livemusik. Gespielt wird die typisch schottische Musik, zu der eine Geige nicht fehlen darf. Leider haben wir auf der gesamten Reise nicht einmal einen Dudelsack gehört. Trotzdem ist das die richtige Einstimmung auf unseren zweiwöchigen Törn durch Schottland und Irland. Und das dritte Pint schmeckt an diesem Abend auch noch.
Am nächsten Morgen geht es durch die erste Schleusentreppe. Pünktlich um 9.20 Uhr geht die Brücke auf und wir können in die erste Schleuse einfahren. Noch hat man den gewissen Respekt vor dem Schleusen, das kennt man ja aus Holland. Aber spätestens nach der fünften Schleuse wird das Schleusen zur Routine. Pah, wie einfach!!
Bei der Schleusentreppe bleiben zwei Leute direkt an Land und halten mit den Festmachern das Schiff auf Kurs. An- und Ablegen macht damit keine Probleme. Und so geht es nach oben, Schleuse für Schleuse, jede mit einem Hub von 2 - 3 Meter. Und da noch drei weitere Schiffen mitschleusen, hilft man sich gegenseitig. So entstehen nette Kontakte zum Schleusenpersonal und zu den anderen Crews. Und das muss man sagen: das Schleusenpersonal ist wirklich nett und hilfsbereit, nimmt die Leinen an und hat immer ein freundliches Wort und einige Tipps parat. Und wir lächeln freundlich zurück. Aber da schien ja auch noch die Sonne und wir wussten noch nichts von Drizzle.
Nach dem Passieren einer Brücke und einer weiteren Schleuse erreichen wir Loch Ness mit dem Seeungeheuer Nessi, das an dieser Stelle bereits zweimal gesichtet wurde, und zwar 1999 und 2002.
Loch Ness zeigt sich von seiner schönsten Seite, auch wenn sich Nessi nicht blicken lässt. Faszinierend ist das schwarze Wasser: man hat den Eindruck, durch schwarze Tinte zu fahren. Dabei ist das Wasser sehr klar, was man allerdings nur in Ufernähe sehen kann. Nur dort kann man 2 - 3 Meter in die Tiefe blicken. Sonst ist es schwarz - rundherum. Dazu die hohen Berge, die sich im Wasser spiegeln. Berge mit grünen und gelben Wiesen, dazu noch grünere Wäldern und dazwischen braune, graue und schwarze Felsen. Faszinierend ist auch der schnelle Wechsel der Landschaft: mal treten die Berge in den Hintergrund, mal gehen die Felswände vom Ufer steil nach oben. Mal bewaldet, mal Wiesen mit grasenden Schafen und was nicht fehlen darf in Schottland: ein Castle. Mal schön erhalten oder restauriert, mal als Ruine und zerfallen. Aber in jedem Fall sehenswert.
Kurz darauf treffen wir in Fort Augustus ein, wo uns am nächsten Tag die zweite große Schleusentreppe erwarte. An dieser Stelle sei eine Bemerkung über die Liegeplätze und die sanitären Anlagen im Kanal erlaubt: man zahlt in der ersten Schleuse, der Seeschleuse, eine Gebühr für die Nutzung des Kanals. Die ist zwar mit 180,- Pfund (rund 270,- Euro) recht happig, aber in ihr sind sämtliche Liegegebühren, sämtliche Schleusen und Brücken und auch sämtliche sanitären Einrichtungen - also auch Duschen - enthalten. Die Anlagen sind nur über einen eigenen Schlüssel zu öffnen, den man in der ersten Schleuse erhält und in der letzten Schleuse wieder abgeben muss. Damit sind dies keine öffentlichen Toiletten und entsprechend sauber und gepflegt. Meist eine Herren-, eine Damen- und eine Behindertendusche und -toilette und immer schön warmes Wasser. Da kann man wirklich nicht meckern.
Der nächste Tag beginnt bereits sehr früh: 6.45 ist aufstehen angesagt, denn bereits um 9.15 fahren wir in die erste Schleuse der Schleusentreppe ein. Und tatsächlich dauert der ganze Schleusenvorgang nahezu eine Stunde und hebt uns um insgesamt 12 Meter an. Aber es ist ein einmaliges Erlebnis, denn die Schleusentreppe geht quer durch den Ort. Links und rechts der Schleusen stehen kleine Häuser, schön weiß gestrichen, so dass sie in der Sonne strahlen.
Die Schleuse von Cullochy bringt uns auf das höchste Niveau des Caledonian Canals - nämlich auf eine Höhe von 32,3 Meter im Loch Oich. Von nun an geht es nur noch abwärts! An den Ufern zur Brücke sehen wir die ersten Hochlandrinder: hellbraune zottelige Rinder mit ihren gedrehten Hörnern.
Bei Moy, in der Nähe von Gerlochy, befindet sich die einzige noch original erhaltene Brücke, die vom Erbauer des Caledonian Canal, Thomas Telford, konstruiert wurde. Sie wird immer noch per Hand bedient - allerdings nicht von uns. Für uns ist es an diesem Tag allerdings die letzte Hürde und so können wir ganz relaxed bis zu Neptune's Staircase kurz vor Fort Williams durchfahren. Wir legen gegen 17.30 vor der ersten Schleuse bei Banavie direkt vor den Toilettenhäuschen an und haben einen prächtigen Blick auf Ben Nevis, dem mit 1344 Meter höchsten Berg der Britischen Insel. Auf ihm liegt noch Schnee und man kann sogar eine Liftanlage erkennen, die zu einem der größten Skigebiete von Schottland gehört.
Neptune's Staircaise ist mit einem Niveauunterschied von 19 Metern und seinen 8 hintereinander geschalteten Schleusen die größte Schleusentreppe im Kanal. Die Schleusendauer wird immerhin mit 90 Minuten angegeben - und die brauchen wir auch.
Um 8.30 beginnt unsere Fahrt durch die letzte große Schleusentreppe. Ein Schleusenwärter, eine Schleusenwärterin und ein Azubi begleiten uns bis 10.10 Uhr, bis wir die Auto- und Eisenbahnbrücke am Ende der Schleusentreppe passiert haben. Dies ist ein wirklich gelungener Abschluss für diesen einmaligen Kanal. Bis zum Corpach Basin, dem Vorhafen zur Seeschleuse, sind es nur noch zwei Schleusen, die wir mit links nehmen. Angst vor Schleusen? Wir nicht mehr!
Da die Seeschleuse erst 2 Stunden vor Hochwasser öffnet, haben wir noch Zeit für einen Stadtbummel. Um 13:30 Uhr ist es dann soweit - wir durchfahren die letzte Schleuse des Caledonian Canals und fahren hinaus ins Loch Linnhe. Durch den wenigen Wind und den ungünstigen Strom müssen wir schon wieder unter Motor fahren - echt grausam für Segler.
Die Fahrt durch Loch Linnhe erweist sich ebenfalls als landschaftlich sehr imposant. Ein navigatorischer und fahrtechnischer Leckerbissen erwartet uns an der Enge von Corran Narrows - die so genannten Eddies. Dies sind Verwirbelungen, die durch den Gezeitenstrom in Verbindung mit der Enge und dem Untergrund hervorgerufen werden. Hier laufen die Strömungen kreuz und quer und die Filou wird hin- und hergeschleudert. Solche Eddies soll man mit einer Geschwindigkeit von 7 Knoten (Fahrt durchs Wasser) durchfahren, was einer Geschwindigkeit von 3 - 4 Knoten über Grund entspricht. Für uns sollte dies ein Vorgeschmack auf die Eddies im Sound of Luing und Dorus Mor sein, wo die Eddies Geschwindigkeiten von bis zu 9 Knoten haben sollen - und zwar in alle Richtungen. Wir sind mal gespannt.
In Oban, unserem Liegeplatz für die Nacht, wird dann auch wie wild gerechnet: wann müssen wir frühestens oder spätestens in Dorus Mor sein und wann müssen wir los? Mittags um 12:00 Uhr heißt es dann "Leinen los", Dorus Mor ruft. Der Wind kommt wie vorhergesagt von vorne und das heißt für uns wieder einmal Motoren. Und der Strom schiebt mit. Carsten ermahnt den Rudergänger vom Gas zu gehen, wir sind zu schnell, wir kommen zu früh in Dorus Mor an. Also Bremse ziehen.
Die ersten Eddies treffen wir im Sound of Luing, einer Enge zwischen den Inseln Luing und Lunga. Hier sind wir viel zu früh, was wir auch daran erkennen, dass uns noch einige Sportboote entgegen kommen. Wir haben Gegenstrom. Also Gas: mit 7 Knoten durchs Wasser und immerhin 3 Knoten über Grund. Na, geht doch voran. Gut zu erkennen sind hier einige kleinere Eddies, die dem Rudergänger zu schaffen machen und die Filou hin und her schubsen. Da kann man nur am Rad drehen, um auf Kurs zu bleiben.
Und dann kommt gegen 17.00 Uhr das gefürchtete Dorus Mor in Sicht: eine enge Passage zwischen dem Festland und einer kleinen Insel mit einigen Felsen rundherum. Und das gefürchtete Dorus Mor liegt still wie der Kaarster See nach 18.00 Uhr da: keine Strömung, keine Eddies, keine Wellen sondern nur ruhiges Wasser. Im Nachhinein eine echte Enttäuschung nach all den Horrorbeschreibungen in den Büchern. Na, wenigstens hat es gedrizzelt, wenigstens darauf ist Verlass.
Kurz darauf machen wir in der Seeschleuse des Crinan Canals fest. Heute wird nicht mehr geschleust, und so gehört die Schleuse uns. Den Abend lassen wir dann in einem Pub bei einem gepflegten Pint ausklingen und schwelgen von unseren heroischen Taten, wie wir die Passage von Dorus Mor bewältigt haben. Nur gut, dass wir die einzigen Gäste in dem Pub sind.
Der nächste Tag beginnt, wie der vorhergehende Tag endete: mit Drizzle. Oh, welch eine Freude. Wettertechnisch brauchten wir uns nicht umzustellen. Dann, pünktlich um 8.30 Uhr, steht das Schleusenpersonal vor dem Bedienpult und die Seeschleuse wird geschlossen. Beim Schleusen ist mittlerweile eine solche Routine eingekehrt, dass man mal eben vom Frühstückstisch aufsteht, um die Leinen nachzuführen. Tasse Kaffee in der einen Hand, locker die Leine in der anderen Hand und es geht aufwärts. Schleuse Nummer 15, die Seeschleuse, wird noch vom Schleusenpersonal automatisch bedient. Danach geht alles nur noch mit Handarbeit vonstatten.
Nach Schleuse 14 wird es dann romantisch: ein enger, an beiden Seiten bewaldeter Kanal, der an manchen Stellen so eng ist, dass nur ein Schiff in eine Richtung passieren kann. Wir haben Glück, dass uns niemand entgegen kommt. Und weiter geht es durch diesen landschaftlich einmaligen Kanal, vorbei an kleinen Wohnbooten, die im Schilf verankert sind oder an bunt bemalten Bauwagen an Land, in denen man Justus vermutet aus dem Kinderroman "Das fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner. Der Bewohner des Bauwagens kommt gerade nach Hause und ruft uns aufmunternd zu "Sorry for the weather…", denn es drizzelt mal wieder.
Und dann ist es soweit: wir stehen vor Schleuse 13, der ersten Schleuse, die nicht automatisch bedient wird und bei der es kein freundliches Schleusenpersonal gibt, das uns die Tore öffnet. Björn, Mario und Berthold wollen es versuchen und marschieren zum Tor. Aber es dauert doch einige Zeit, bis sie den richtigen Schwengel für die Schieber gefunden haben, um das Wasser aus dem Schleusenbecken abzulassen. Erst wenn im Schleusenbecken das gleiche Niveau herrscht wie im Kanal, kann man versuchen, die Tore zu öffnen. Ist ein Höhenunterschied von nur 5 Zentimeter vorhanden, kann man die Tore nicht aufstemmen, weil einfach noch zu viel Wasserdruck auf die Tore wirkt. Also muss man sich Zeit lassen und abwarten, bis sich das Niveau angeglichen hat. Jetzt kann man auch den Satz im Reiseführer nachvollziehen: Why rush through the canal? Relax and enjoy the superb scenery and hospitality.
Nach der Schleuse Nummer 5 ist erst einmal Pause für uns: alle wollen duschen. Also machen wir am Ponton fest und erkunden die Duschen: es gibt zwei wirklich saubere Duschen in einem kleinen, weiß gestrichenen Häuschen direkt neben Schleuse Nummer 5. Das warme Wasser ist herrlich und das anschließende Lunch noch besser. Sauber und gestärkt können wir den letzten Teil des Kanals bezwingen. Welches Wetter haben wir eigentlich?
Schleuse Nummer 3 und Nummer 2 sind die letzen beiden Schleusen, die manuell von uns bedient werden müssen, ganz lässig, ganz routiniert, als hätten wir noch nie was anderes gemacht. Mit der Seeschleuse Nummer 1 sind es nur noch wenige Meter bis zur Ausfahrt in den Lower Loch Fyne, einem Nebenarm vom Firth of Clyde, dem Meeresarm vor dem North Channel. Unseren Liegeplatz für die Nacht finden wir in Tarbert, einem netten kleinen Hafen mit einem einzigen Längssteg, an dem man aber immer einen freien Liegeplatz findet - zumindest um diese Jahreszeit.
Für heute hat der Wetterbericht Südwest 5 - 7, in Böen bis 8 bft. angesagt. Die See ist rough bis very rough was soviel heißt wie aufgewühlt oder rau bis sehr aufgewühlt. Wellen eben, so wie man sich die Irische See vorstellt. Aber da sind wir ja noch nicht.
Auf dem Weg durch die West Kyle treffen wir auf genau drei Tonnen, drei rote Tonnen. Navigatorisch also nicht viel los hier. An der Engstelle von Burnt Islands knubbeln sich plötzlich auf engstem Raum fünf Bojen und das hat durchaus seine Berechtigung. Links und rechts neben der schmalen, vielleicht 20 Meter breiten Durchfahrt schauen die Felsbrocken hervor, andere liegen kaum sichtbar knapp unter der Wasseroberfläche. Spannend.
Wir nehmen Kurs auf unser Tagesziel, die Marina Largs. In den Firth of Clyde trifft uns der volle Südwestwind mit seinen 6 - 7 Windstärken und so queren wir in rauschender Fahrt das Hauptfahrwasser der Großschifffahrt auf ihrem Weg nach Glasgow. Für Carsten ist es heute die letzte Nacht an Bord, denn er wird uns morgen früh verlassen. Mit dem Taxi nach Glasgow und dann mit dem Flieger in Richtung Heimat. Die Arbeit ruft. So gehen wir noch einmal gemeinsam in einem Restaurant lecker essen und feiern Abschied.
Durch die vielen Kanäle und die leichten Winde im Loch Linnhe und Firth of Lorn sieht unsere bisherige Statistik wenig berauschend aus: 27 Motorstunden in denen wir 123 Seemeilen zurückgelegt haben und nur 74 Seemeilen unter Segel. Beschämend. Selber Schuld also, dass wir jetzt zum Ölwechsel verdammt sind. Wer so viel motort, der darf auch den Ölwechsel machen. Und so begeben sich Berthold und Björn an die Arbeit.
Um 11.45 Uhr heißt es dann "Maschine ist klar zum Auslaufen". Und so geht es bei schönstem Regen in Richtung Troon. In welcher Richtung liegt Troon? Südwest. Wo kommt der Wind her? Südwest! Super. Auch kein guter Tag heute für Navigation unter Deck. Die Welle vom Vortag oder von der Nacht steht noch und die Filou rollt stark und ist kaum zu bändigen. Glücklich derjenige, der am Ruder steht und das ist heute Björn, denn er hat was zu tun und muss konzentriert steuern. Bei den anderen macht Seekrankheit die Runde und bald liegen Berthold und Mario in der Koje. Die Navigation bleibt an mir hängen, also jede Stunde tief Luft holen, runtertauchen an den Kartentisch, Position bestimmen, neuen Kurs berechnen und wieder auftauchen zum Luft holen.
In der Nacht zieht ein Sturmtief durch und es macht sich ein Hochkeil breit. Für uns bedeutet dies Windstärken von 2 - 3. Eigentlich ideale Bedingungen, wenn da nicht das Eine wäre: In welche Richtung müssen wir? Südwest. Wo kommt der Wind her? Südwest! Super.
Der eigentliche Plan war, von Troon aus direkt nach Belfast zu fahren, um dann an der Irischen Küste noch ein paar Häfen anzulaufen. Das war der Plan. Doch die Windrichtung macht dies zu einem schwierigen Unterfangen. Als Alternative bietet sich Campbeltown an der Südspitze von Kintyre an. Wir könnten schön mit halben Wind an der Isle of Arran vorbeiziehen und hätten dann für morgen bei Südwestwind einen schönen Anlieger nach Belfast. Ideal. Wer konnte denn ahnen, dass der Wind auf Süd drehen würde?
Die Marina von Campbeltown besteht aus einem einzigen Steg, an dessen Kopfende wir festmachen. Keine sanitären Anlagen, bis auf eine öffentliche Toilette im Ort. Aber die Landschaft und der Pub im Ort entschädigen uns für diese spartanischen Verhältnisse.
Was noch zu erwähnen wäre: nach über einer Woche haben wir nun genauso viele Seemeilen unter Motor zurückgelegt wie unter Segel, nämlich jeweils 126 Seemeilen. Ab heute wird aus der Filou endlich ein Segelboot.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg nach Belfast. Bereits kurz nach der Hafenausfahrt weht der Wind ganz schwach aus Süd. Am frühen Nachmittag dann die erste Wende kurz vor Ballantae. Bei einem Wendewinkel von 115 Grad, den die Filou hat, nicht wirklich berauschend. Immerhin können wir Irland anliegen - und Irland ist groß!
Gegen 20.00 Uhr sind wir in der Nähe eines Felsenhaufens, ungefähr 5 Seemeilen vor der Irischen Küste. Um nicht auf die Felsen zu brummen machen wir die zweite Wende an diesem Tag. Und damit geht der Tag auch so langsam zu Ende, denn der Leuchtturmwärter von Maiden schaltet das Licht ein: Flash Gruppe 3, alle 20 Sekunden. Und immer noch haben wir über 15 Seemeilen bis Bangor, dem Vorort von Belfast, vor uns. Jo, das wird eine Nachtfahrt und eine Nachtansteuerung. Für uns die erste und einzige "Nachtfahrt" auf diesem Törn. Nachts um eins machen wir dann endlich fest und gönnen uns zu so später Stunde noch ein Anlegerbier. Muss ein!
In Bangor machen wir einen Hafentag und das Beste daran ist das Wetter: Sonne pur und dazu frühlingshafte Temperaturen. Ideal also für einen Stadtbummel in Belfast. Nach Belfast rein geht es mit dem Zug, der mit einem kurzen Stopp in Holywood nach 20 Minuten den Hauptbahnhof von Belfast erreicht. Von dort aus sind die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu Fuß zu erreichen. Wir beginnen unsere Stadtbesichtigung in den Markthallen des St. George's Market, besichtigen die Innenstadt mit ihren herrlichen Prachtbauten und beenden unsere Sightseeing Tour im Botanischen Garten.
Nun treibt uns der Zeitplan voran. Am Samstag ist Schiffsübergabe in Dublin. Und da wir noch eine Sightseeing Tour in Dublin machen möchten, müssen wir bis Donnerstag Abend in Dublin sein. Es bleibt eigentlich nur noch ein Zwischenstopp übrig. Na, dann mal los.
Unser heutiges Ziel ist Carlingford. Der Hafen von Carlingford hat eine interessante Einfahrt, da man erst an dem Hafen vorbeifahren muss, um dann aus nordwestlicher Richtung unbetonnt auf die Einfahrt zuzuhalten. An Backbord liegen die Untiefen bei 10 Zentimeter. Also Echolot immer gut im Auge behalten.
Die Marina selbst ist recht nett, die sanitären Einrichtungen allerdings sind unter aller Sau. Für uns ist es mit 33,- Euro die teuerste Marina auf unserer bisherigen Tour und dafür gibt es keinerlei Service und nur eine Toilette und eine Dusche, die auch noch 2,- Euro kostet. Das Toilettengebäude wird zur Zeit renoviert, der Zustand ist also ungenügend und nicht empfehlenswert. Lediglich der kleine Ort ist sehenswert.
Unsere letzte Etappe nach Malahide legen wir segelnd zurück. Der betonnte Kanal von Malahide Inlet zieht sich über zwei Seemeilen hin. Es gibt eine Barre von 30 Zentimeter Höhe, die nur zu bestimmten Zeiten zu passieren ist. Wir liegen gut in der Zeit und sind im richtigen Zeitfenster. Gegen 17.35 machen wir am Steg von Malahide fest, einer Marina, die durch Eigentumswohnungen vollständig eingeschlossen ist. Das Gelände der Marina zu verlassen ist kein Problem, allerdings der Rückweg geht nur mit einer entsprechenden Karte. Sesam öffne dich. Aber dafür sind die Sanitäranlagen vom Feinsten. Das hat natürlich auch seinen Preis und damit hat Malahide sogar der Marina in Carlingford den Rang abgelaufen: mit 40,- Euro plus 11,- Euro für Landstrom war Malahide mit Abstand die teuerste Marina auf unserer Tour. Aber schön war`s trotzdem.
Ähnlich wie in Belfast wollen wir nun auch Dublin einen Besuch abstatten und mit dem Zug in die Stadt fahren. Kein Problem, denn von Malahide aus geht der Thalys direkt zum Hauptbahnhof Dublin. Und Dublin ist einfach nur geil: das pulsierende Leben überall. Dublin hat eine interessante und sehenswerte Innenstadt mit vielen großen und kleinen Geschäften. Imposant ist eine alte Kirche, die zu einem Pub umfunktioniert wurde. Die alte Orgel ist noch da, genau so wie die alten Christenbilder. Und mitten drin steht eine Bar mit Kaffeemaschine und Bierausschank. Einfach sehenswert.
In der Altstadt von Dublin findet man ein Pub neben dem anderen und dazwischen Straßenmusiker, die hier ihren Unterhalt aufbessern. Eins der bekanntesten Pubs ist wohl die Temple Bar. Auch wir trinken hier ein Pint für 5,- Euro. Altstadtpreise eben. Immerhin sind wir wieder im Euroland.
Abends an Bord ist dann Resteessen angesagt: alles was die Bilge hergibt und dazu einige typische englische Gerichte wie dicke Bohnen mit Saussige und Rühreier mit Speck. Alles muss raus.
Der Samstag beginnt recht früh. Um 04.00 Uhr bereits verlassen Björn und Mario das Schiff, da der Flieger von Björn um 07.00 Uhr in Richtung Hamburg geht. Mario begleitet ihn und Christine und ich werden ihn später am Flughafen treffen. Berthold wird das Wochenende noch in Dublin verbringen und fliegt nicht mit uns zurück.
Uns wurde geraten, zwei Stunden vor Abflug am Flughafen zu sein. "Warum das denn?" fragten wir uns, besonders da heute Samstag ist. Als wir am Flughafen ankommen, ist es klar: ganz Irland will das Land verlassen, so scheint es. So einen vollen Flughafen habe ich noch nie gesehen. Vor der Sicherheitskontrolle schlängelt sich die Schlange der Wartenden wie im Phantasia Land: hin - zurück - hin - zurück. Immer wieder gehen die gleichen Gesichter an einem vorbei. Aber immerhin reicht die Zeit noch für einen letzten Kaffee in Irland, bevor der Flieger abhebt in das ebenso kühle Düsseldorf. Immerhin ist der Flieger diesmal pünktlich.
Die Tour ging von Inverness in Schottland bis Dublin in Südirland und dauerte 14 Tage, vom 12. Mai bis zum 26. Mai 2007. Insgesamt legten wir auf diesem Törn 470 Seemeilen zurück, 299 unter Segel und 171 unter Motor (das sind 44,2 Motorstunden), was hauptsächlich wegen der Kanäle so hoch ausfiel. Alles in allem eine interessante Tour, die auf jeden Fall zu empfehlen ist.
Nebenbei bemerkt: der Caledonian Canal wurde von dem gleichen Konstrukteur entworfen wie der Gota Kanal in Schweden: Thomas Telford. Und auch der Gota Kanal ist ein Erlebnis. Für die Filou vielleicht ein Törn im nächsten Jahr.
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