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1. Etappe: von Workum nach Inverness
Sind wir eigentlich verrückt, Ende April 700 sm quer über die Nordsee? Es ist die Rede von der ersten Etappe des geplanten Rund England Törn mit der Filou. Wir stellen uns auf das Schlimmste ein, Kälte, Regen und stürmische Seen. Aber, es kommt meistens anders, als man denkt, und Mitte April bricht in Deutschland der Sommer aus. Die Crew: Roland Klaiss, Marcel Kohn, Matthias Hakuba, Michael Kiefl, Odilo Klaasen und Peter Donnison freut sich natürlich auf diese spektakuläre Wetterentwicklung.
Die erste Etappe über die Nordsee von Den Helder nach Whitby umfasst 230 sm - meine längste Strecke bisher über offenes Gewässer. Auf unserer Route liegen mehre Verkehrstrennungsgebiete und jede Menge Ölförderplattformen. Am 27.April sind wir zum Start bereit und tatsächlich - das "Sommerwetter" hält noch mit Temperaturen über 20 Grad und mäßigen bis starken Winden aus östlicher Richtung - genau das, was wir brauchen!
Am ersten Tag geht's von Workum aus über das Ijsselmeer nach Den Helder, eine gute Möglichkeit, bei NE 5-6 Bft. alles auszuprobieren. Selbst mit der neuen Arbeitsfock und zwei Reffs im Großsegel ist das Schiff sehr luvgierig und schießt mehrmals unkontrolliert in den Wind, wie soll das erst bei Welle auf der Nordsee werden?
Sonntag wird es ernst - die Nordsee ruft und wir starten wie geplant um 13.00 Uhr immer noch bei Sonnenschein und 5-6 Bft. aus ENE - einfach perfekt! Je weiter wir von Land kommen desto größer werden die Wellen und das Steuern des Schiffes wird nicht einfach. Auch der wilde Raumschotskurs ist nicht für alle Mägen sehr bekömmlich, aber die Crew gewöhnt sich sehr schnell daran und es herrscht eine vorbildliche Disziplin beim Antreten zur Wache. Die erste Nacht auf See verläuft sehr ruhig. Mit dem neuen AIS-Gerät können wir die Berufsschifffahrt gut beobachten und frühzeitig ausweichen. Geplant war, die englische Küste erst am dritten Tag zu erreichen, aber wir sind zu schnell und stehen um 22.00 Uhr am zweiten Tag kurz vor Whitby. Es ist Ebbe - zu wenig Wasser in der Hafeneinfahrt um einlaufen zu können. Das Schiff wird für zwei Stunden "geparkt" indem wir beidrehen und uns die letzten Meilen nach Whitby mit der Strömung treiben lassen. Um 01.20 Uhr lassen wir das erste Anliegerbier in England zischen. Eine stolze Leistung - 226 sm in 35 Stunden, eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,5 Knoten.
Am nächsten Morgen um 07.00 Uhr fahren wir durch die Brücke in die Marina - wir haben uns jetzt einen Hafentag verdient und wollen die schöne Stadt Whitby erkunden. Hier ist der bekannte Seefahrer und Entdecker Capt. James Cook geboren und aufgewachsen. Ein Besuch des Cook Museums darf natürlich nicht fehlen. Auch soll es hier die besten "Fish und Chips" in England geben - also Mittagessen ist auch klar.
Es liegen aber bis nach Inverness immer noch fast 500 Seemeilen vor uns - der Wecker geht am nächsten Morgen um 05.00 Uhr. Ziel Heute ist Amble, ein sehr schöner Ort mit beeindruckendem und sehr gut erhaltenem Schloss. Ein kurzes Ziel (nur 80 sm.) aber der schöne Ostwind ist eingeschlafen so dass wir öfter die Maschine zur Hilfe nehmen müssen. Und schon wieder sind wir zu einer Zeit angekommen, wo wir nicht genug Wasser für die Einfahrt in den Hafen haben! Wieder heißt es "Beidrehen" und gut eine Stunde warten bis es in der Einfahrt tief genug ist. Wieder kurz vor zwei Uhr morgens sind die Leinen fest - es scheint unsere normale Ankunftszeit für diesen Törn zu werden. Aber hierdurch haben wir wieder einen halben Hafentag verdient - also ab zur Besichtigung von Warkworth Castle.
15.00 Uhr, wieder Leinen los zum nächsten Ziel - eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Ostengland - Holy Island. Zum Glück schaffen wir die schwierige Ansteuerung gerade noch bevor es dunkel wird, da hier nur wenig Seezeichen befeuert sind. Der Anker fällt um 20.15 Uhr in der Bucht von Lindesfarne. Es soll nur zwei Pubs auf der Insel geben ( was gar nicht stimmt ) und ein Pint Bier wollen wir unbedingt kriegen, bevor die Pubs zumachen. Daher wird in Windeseile das Beiboot aufgepumpt, der Motor angehängt und zu viert rasen wir in die einbrechende Dunkelheit los, um eine gute Stelle zum Anlanden zu finden. Roland bleibt an Bord wegen der Ankerwache und sagt uns zu, ein Essen vorzubereiten, falls wir im Pub nichts kriegen. Schon wieder Niedrigwasser! Noch weit vor der Treppe im Hafen bleiben wir stecken. Dann heißt es, Schuhe und Socken aus und die letzten Meter durch den Schlamm waten. Was man nicht alles tut für ein Bier! Nach zwei Pints und bei vollständiger Dunkelheit ist der Rückweg auch nicht einfacher geworden, aber zum Gluck lotst uns Roland mit der Taschenlampe wieder zum Schiff. Dann zu unser aller Überraschung hat Roland ein Festmahl für uns gezaubert - Wildgulasch mit Birne, Preiselbeeren und Knödeln. Toll - und wir haben riesigen Hunger!
Am nächsten Morgen erfolgt ein weiteren, etwas geordneter Landgang, um die Ruinen des aus dem 7. Jahrhundert existierenden Klosters zu besichtigen. 13.50 Uhr Anker auf - unser nächstes Ziel ist der Fischereihafen von Eyemouth - unser erstes Ziel in Schottland. Hier lernen wir "Alex" kennen - er ist "assistent, deputy habourmaster", was heißt: er darf unser Hafengeld annehmen. Unser Angebot, ein Bier mitzutrinken lehnt er nicht ab. Alex erzählt gerne, und nach dem dritten Bier wissen wir schon einiges mehr über die Probleme der Fischerei Industrie in Schottland und dass für fast alle Probleme entweder die EU oder "the fucking English" verantwortlich sind. Ich schweige natürlich über meine wahre Herkunft. Alex schlägt vor, uns später im Pub zu treffen und unser Hafengeld dann zu trinken.
Obwohl wir in den Pubs bis zum frühen Morgen unterwegs waren, klingelt trotzdem um 05.00Uhr der Wecker (Alex haben wir nicht getroffen). Heute geht's nach Port Edgar bei Edinburg in den Firth of Forth. Wieder aber gibt es wenig Wind - es wird fast nur motort. Sehr imposant ist die Ansteuerung zur Forth Railway Bridge eines der bekanntesten Wahrzeigen von Schottland. In 1890 fertig gestellt und 2,5 km lang besteht die Brücke fast nur aus Stahl. Kurz dahinter kommt die nicht weniger spektakuläre Forth Road Bridge und dann sind wir direkt in der Marina von Port Edgar in South Queensferry.
Für Marcel und Michael geht leider in Edinburg die Reise zu Ende - schade dass die Beiden nur eine Woche gebucht haben - wir hatten eine tolle Crew. Für Matthias, Roland und Peter geht die Reise aber weiter und in Port Edgar kommt auch Odilo per Flieger aus Deutschland dazu.
Sonntag 6. Mai, Wettervorhersage von Aberdeen Coastguard: "SW 6-7 later 8, showers, visbility good, sea rough". Die Richtung SW ist sehr gut, aber 8 Bft. müssen es nicht sein! Also Hafentag und Besichtigung von Edinburg - eine gute Idee. Am nächsten Tag ist, wie von der Coastguard angekündigt der Wind auf 5-6 Bft abgeflaut, wir wollen ablegen. Unser Hafentag wird kompensiert und Dundee an der River Tay ausgelassen. Wir wollen direkt die 90 sm nach Stonehaven segeln, wahrscheinlich schon wieder eine Nachtansteuerung! Draußen im Firth von Forth ist der Seegang aber immer noch ziemlich grob und auch die Schauer bringen kräftige Windböen mit, so dass die Fahrt nicht sehr angenehm wird. Aber wir sind schnell und schaffen die 89 Seemeilen in 13 Stunden - ein noch besserer Durchschnitt von 6,85 Knoten. Der Ort Stonehaven ist sehr schön und wegen der Strömung haben wir unsere Weiterfahrt nach Peterhead erst für 12.00 Uhr angesetzt. Es gibt genug Zeit, auszuschlafen, einzukaufen und zu besichtigen.
Peterhead 22.00 Uhr - wieder eine Nachtansteuerung. Aber der Hafen ist gut beleuchtet und es gibt viel Platz in der Marina, so dass alles problemlos mit dem Anlegen klappt. Die Peterhead Marina ist für die Segler aus Deutschland und Skandinavien, die direkt über die Nordsee kommen, ein wichtiger Stützpunkt in Schottland. Viel Zeit haben wir aber nicht, die sehr ordentlich und freundlich geführte Marina zu genießen. Unser nächstes Ziel ist Whitehills im Moray Firth. Wir passieren Rattry Head, dieser Ort ist so oft in den Wettervorhersagen der Coastguard erwähnt worden. Die Ansteuerung von Whitehills erfolgt dieses Mal ausnahmsweise bei Tageslicht und das ist gut, denn die Einfahrt ist ganz schön eng und der Wind immer noch mit ESE 4-5 etwas böig. Auf Empfehlung des sehr freundlichen und hilfsbereiten Hafenmeisters finden wir eine gute Möglichkeit zum Essengehen. Der Koch hat mehrere Jahre in der Nähe von Düsseldorf gelebt und ist froh, seine deutschen Gäste zu verwöhnen - das Essen ist vorzüglich.
Jetzt aber, geht unsere Reise wirklich langsam zu Ende. Wir wollen nur noch Station im wunderschönen Ort Lossiemouth machen, und danach heißt es "klar zum Schleusen in den Caledonian Canal". Aber es kommt mal wieder anders als wir denken! Die Einfahrt nach Lossiemouth ist sehr flach und am nächsten Tag herrscht NE 5-6 Bft. Das bedeutet, die Wellen brechen genau in der Hafeneinfahrt von Lossiemouth. Eine Ansteuerung können wir leider nicht riskieren und segeln daher weiter im Muray Firth nach Cromarty. Die Ansteuerung erfolgt zum Glück wieder vor Einbruch der Dunkelheit. Denn der Hafen ist so winzig, das wir rückwärts durch die Hafeneinfahrt fahren müssen, um den letzen Liegeplatz hier zu bekommen. Es gibt hier einen netten Pub und zu unserer Freude packen nach kurzer Zeit die einheimischen Gäste ihre Musikinstrumente aus. Es wird ein sehr netter Abend - so wie man es sich richtig im schottischen Pub vorstellt!
Und wieder diktiert uns die Tide unsere Auslaufzeit - 05.00 Morgens - nicht viel Zeit zum schlafen. Am letzten Tag nach Inverness gibt es leider gar keinen Wind, so dass die ganze Zeit motort wird. Um 09.00 Uhr heißt es dann tatsächlich "klar zum Schleusen" und wir passieren die Clachnaharry Locks zum Caledonian Canal. Eine Stunde später kommt die Seaport Marina in Inverness in Sicht. Wir haben es geschafft und sind sehr stolz, dass wir überpünktlich die Filou zum Etappenziel gesegelt haben. Das wird heute Abend in den zahlreichen Pubs von Inverness belohnt. Es wurde ein sehr schöner letzter Abend, aber ein bisschen traurig sind wir auch, unsere treue Begleiterin, die Filou, zu verlassen. Na ja, hoffentlich haben die nächsten Crews so viel Spaß und Glück wie wir hatten und dass das Vereinsschiff sicher nach Hause kommt!
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