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Erfahrungen aus einem Englandtörn 12. - 21. Mai 2006
Das Boot läuft teilweise 12 Knoten durchs Wasser bei Wind aus SSW mit Stärken zwischen 8 und 9 Bft., in Böen sogar bis 10 Bft. Wir nähern uns schnell der niederländischen Küste auf dem Weg von England zurück und es wird langsam dunkel. In den flachen Gewässern westlich der Oosterschelde werden die Wellen immer höher. Die gewaltigen Wellenberge rollen von achtern heran und lassen unsere schwere Hallberg Rassy 352 surfen wie eine Jolle. Es ist nicht einfach, das Schiff auf Kurs zu halten und das Steuern braucht viel Kraft. Der Skipper steht seit 5 Stunden am Ruder und trägt die Verantwortung, seine Crew heil nach Hause zu bringen.
Aber zuerst die Vorgeschichte: Wir sind fünf Segler des Kaarster Segelclubs. Jutta und Ralph sind öfters bei den KSC Törns in Südholland und an der Ostsee mitgesegelt und wollen etwas Hochsee-Erfahrung sammeln. Detlef und Volker sind selbst erfahrene Skipper und Ausbilder. Skipper Peter, auch Segellehrer, segelt seit seiner Kindheit und kennt die Nordsee mittlerweile ganz gut.
Wir starten am 13. Mai von der Haringvliet in Südholland nach Harwich und kommen bei westlichen Winden zuerst nicht so gut voran. Auch der am späten Nachmittag aufkommende Nebel erleichtert die Situation nicht, aber wir haben Radar an Bord und es wird fleißig geübt, die Positionen der Frachter und Fischer zu bestimmen und auf Kollisionskurs zu prüfen. Abends setzt der vom Wetterbericht angekündigte Nordwind ein und wir können endlich unseren westlichen Kurs nach Harwich anlegen. Beim Überqueren des "precautionary area" Nord Hinder gibt es viel Schiffsverkehr und die Gelegenheit zur Überprüfung der Kenntnisse in Lichterführung. Die restliche Reise verläuft problemlos und wir erreichen nach 23 Stunden Überfahrt Harwich und segeln den River Orwell hoch bis Wolverstone. Der erste Höhepunkt des Törns ist ein Spaziergang am Fluss entlang zum unter Denkmalschutz stehenden Ort "Pin Mill" mit einem Besuch des unter Seglern sehr bekannten Pubs "The Butt and Oyster".
Am nächsten Tag geht es früh los, damit wir zum richtigen Zeitpunkt in den River Deben einfahren können. Dieser Fluss gehört zu den schönsten in Ostengland. Die Ansteuerung ist jedoch nicht ganz einfach. Auf jeden Fall braucht man die allerneusten Informationen, am besten aus dem Internet (debenentrance.com), das Buch "East Coast Rivers" von Janet Harber sollte auch nicht fehlen. Die Einfahrt in den Fluss erfolgt ca. 3 Stunden vor Hochwasser. Der Strom läuft zu diesem Zeitpunkt mit ca. 4. Knoten in den Fluss hinein, das Schiff wird praktisch "eingesaugt". Es ist große Vorsicht geboten und die genaue Einhaltung der Anweisungen ist überaus wichtig. Im Fluss läuft alles viel ruhiger, aber man muss gut aufpassen, alle Fahrwassertonnen zu finden, die oft zwischen den an Murings liegenden Booten versteckt sind. Wenn man alles richtig gemacht hat, kommt man ca. 1 Stunde vor Hochwasser in Woodbridge an, wo sich eine schmucke Marina im ehemaligen Speicherbecken der Gezeitenmühle befindet. Das letzte Hindernis vor dem Festmachen ist ein Süll in der Einfahrt, der das Wasser bei Niedrigwasser im Hafen hält. Danach kann das wohlverdiente Anlegebier genossen werden.
Die Stadt Woodbridge ist mit das Schönste, was es an dieser Küste gibt - tolle Kulisse am Fluss, eine Gezeitenmühle, nette Pubs, Antiquitätenläden, schöne Kirchen und gute Einkaufsmöglichkeiten. Wir haben am nächsten Tag viel Zeit, alles zu erkunden, bis am Nachmittag die Flut wieder da ist und unsere Ausfahrt wieder möglich macht.
Um 15.00 Bordzeit (MESZ) können wir auslaufen und haben nach 2 Stunden die Flussmündung wieder erreicht. Es wird noch einmal spannend bei der Ausfahrt aus dem Fluss und mit 9 Knoten über Grund "spuckt" uns der Fluss wieder aus. Unser nächstes Ziel ist die Themse und London. Leider ist der Strom zuerst gegen uns und der Wind kommt aus Südwest - auch nicht gerade das, was wir uns gewünscht hatten. Nach vier Stunden Segeln, ohne sehr viel weiter gekommen zu sein, werfen wir die Maschine an und motoren im Fahrwasser "Barrow Deep" in Richtung Southend, wo wir für ein paar Stunden ankern wollen, um auf die Tide zu warten. Nach Einbruch der Dunkelheit erleben wir die "Themse Light Show". Viele, viele Leuchttonnen markieren die verschiedenen Fahrwasser, die in die Themse führen und dazwischen ein- und auslaufende Schiffe. Um halb vier Uhr morgens fällt endlich der Anker vor Southend und wir können uns etwas Schlaf gönnen, bis die Strömung kentert und uns nach London bringt.
Am nächsten Tag ist es soweit, nach dem Frühstück um 10 Uhr wird der Anker hoch geholt. Die Flussfahrt die Themse hoch ist recht uninteressant, die Docks und Umladeplätze (Wharfs) haben bessere Zeiten erlebt, als die Themse wichtiger Umschlagplatz für viele Güter im Im- und Export für ganz England war. Erst an Canary Wharf wird es schön und die Überfahrt des Nullmeridians in Greenwich sorgt für ein weiteres Highlight. Greenwich ist überhaupt ein toller Stadtteil mit der "Royal Naval Academy", der "Cutty Sark" und dem "Royal Observatory" im Park auf dem Hügel. Richtig spannend wird es, nachdem die letzte Flussbiegung passiert ist und vor uns die wunderschöne und spektakuläre "Tower Bridge" liegt.
Unser Zielhafen, die St. Katharine Dock Marina liegt direkt daneben in traumhafter Umgebung. Die Marina fällt nicht trocken und deshalb sind die Schleusenzeiten klar geregelt. 2 Stunden vor und 1 ½ Stunden nach Hochwasser Tower Bridge wird die Schleuse bedient. An einer Muring vor der Schleuse warten wir auf die per Funk vereinbarte Schleusenzeit und genießen den Ausblick auf Tower und Tower Bridge. Die Engländer nehmen das Schleusen sehr ernst und alles wird genauestens geregelt, auch die Anmeldung für die Marina wird während des Schleusenvorgangs vorgenommen. Wir brauchen fast eine dreiviertel Stunde, bis wir wieder aus der Schleuse rausfahren und unseren Liegeplatz ansteuern können. In Holland geht das in 10 Minuten! Wir haben aber einen super Platz zwischen toll restaurierten Gebäuden und dem Dickens Pub, mit Blick auf die Tower Bridge.
Die Rückreise nach Holland ist für Freitag den 19. geplant. Wir haben uns für das Schleusen um 06.00 Uhr angemeldet. Mittlerweile ist es in London recht stürmisch geworden und ein Blick auf die Wetterkarte zeigt, warum. Ein kräftiges Tief sitzt fest über Südengland. Am Vorabend unserer Abreise werden die neuesten Prognosen aus dem Internet geladen und diskutiert. Es hat sich ein Nebentief gebildet - also eine Troglage und die Wettervorhersage für die südwestliche Nordsee ist nicht gut - SW 7 - 8 Bft. Wir denken, dass es von der Wetterlage durchaus mehr sein kann und entschließen uns, die Abfahrt um 12 Stunden zu verschieben. Das gibt uns sogar die Möglichkeit, doch noch Greenwich zu besuchen.
Um 18.00 Uhr verlassen wir St. Katharine's Dock. Die neuesten Wetterprognosen sehen tatsächlich besser aus: 6 - 7 Bft aus SW - es wird eine schnelle Reise mit Wind raumschots nach Hause sein! Nachdem wir für ein paar Stunden nachts geankert haben, um auf die günstige Strömung zu warten, nehmen wir um 6.30 Uhr den Anker auf und unsere Rückfahrt über die Nordsee beginnt. Es liegen ca. 125 Seemeilen bis zur Roompotschleuse in Zeeland vor uns. Der Wind weht mit 6 Bft. aus SSW und die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Die Yacht läuft unter Arbeitsfock und vollem Groß 7- 8 Knoten - es wird Zeit, ein kleines Reff in das Großsegel zu machen, aber sonst läuft alles nach Plan. Nach einigen Stunden gratulieren wir uns zu unserer Entscheidung, die Abfahrt verzögert zu haben. Die Freude war vielleicht etwas zu früh, weil das Barometer nicht - als Zeichen, dass das Tief langsam wegzieht - steigt, sondern stehen bleibt und später sogar etwas fällt. Als wir etwa die Hälfte der Strecke hinter uns haben und gerade dabei sind, das Verkehrstrennungsgebiet südlich des Nordhindergebiets zu überqueren zieht eine Front auf und der Wind nimmt auf 7 Bft zu. Es empfiehlt sich nicht, mitten im VTG weiter zu reffen, wir wollen schnell durch, um nicht noch mehr Schiffen ausweichen zu müssen. So übernimmt der Skipper das Ruder und wir rauschen vor den Tankern mit 8-9 Knoten vorbei. Aber jetzt wird es wirklich Zeit, das zweite Reff ins Groß zu binden!
Die Bedingungen werden immer schwieriger, aber wenn man sein Boot gut kennt, macht das Steuern Spaß und so entwickelt sich langsam für mich das Dilemma des Skippers: Besser am Ruder zu bleiben, um das Querschlagen des Schiffes möglichst zu vermeiden, den Kurs halbwegs zu halten oder mich um die Navigation der Ansteuerung der niederländischen Küste zu kümmern!? Aber Volker ist ein erfahrener Skipper und hat die Navigation im Griff und ich habe die Seekarte, denke ich, ganz gut im Kopf, so lasse ich Volker weiter navigieren und bleibe am Steuer. Wir sprechen die Ansteuerung zwischen Ruderstand und Niedergang ab und entscheiden uns, die Rabsbank-Ansteuerungstonne südlich zu passieren, um nicht zu schnell in das flachere Wasser zu kommen und danach in das Roompot Fahrwasser einzulaufen, wo wir schon einen gewissen Schutz durch die Halbinsel Walcheren erwarten können. Ich kenne das Roompot Fahrwasser gut, aber es fällt mir am Steuer stehend nicht ein, dass es überhaupt nicht befeuert ist!
Der Wind nimmt noch weiter zu und bläst jetzt laut Windanzeige mit 8-9 Bft aus Süd, in Böen sogar bis 10 Bft! Wenn die mittlerweile 3-4 m hohen Wellen schieben und eine Bö dazu kommt, luvt das Schiff so stark an, dass es nicht mehr auf Kurs zurück zu bringen ist - wir müssen das Großsegel wegnehmen! Detlef erklärt sich bereit, noch mal an Deck zu gehen. Es ist harte Arbeit und nicht ganz ungefährlich, das Segel zu bergen, aber Detlef schafft es, und so können wir mit nur der kleinen Fock wieder unseren Kurs anliegen. Beim Surfen auf der Welle laufen wir aber immer noch manchmal mit der Logge bei 12 Knoten im Anschlag! Die Wassertiefe nimmt jetzt ständig ab und als wir die 10m Linie hinter uns haben, wird die See grober. Trotz Mittelcockpit und eingeschobenen Niedergangsschotten steigen die Wellen manchmal bis zum Navitisch ein. Wir sind jetzt in den "Domburger Rassen", wo eine schöne Grundsee tobt.
Volker, der Navigator verlangt genau 90° Kurs über Grund, um mitten durch das Roompot Fahrwasser zu laufen - mir ist immer noch nicht klar, dass das Fahrwasser nicht befeuert ist. Es wird jetzt dunkel und ein genauer Kurs ist unter diesen Bedingungen sowieso nicht zu steuern. Wie geht es weiter? Als mir Volker sagt, dass wir auf unbefeuerte Tonnen aufpassen müssen, wird mir blitzschnell klar - wir sind in die Falle gelaufen! Ich Dummkopf ! Bin ich nicht schon vor 12 Jahren auf dem Weg von England zurück hier in das Fahrwasser nachts eingelaufen? Ja,es stimmt - damals hatte ich alle Tonnen des Fahrwassers als Wegepunkt in den GPS eingegeben und so konnten wir im Fahrwasser bleiben und eine Kollision mit den Tonnen vermeiden. Und jetzt haben wir einen Kartenplotter an Bord! Die Tonnen sind zwar nicht in der elektronischen Karte drin, aber es wäre ein Kinderspiel gewesen, sie vorher als Punkt einzutragen. Oder vielleicht wäre es besser gewesen, das Westgat anzusteuern, hier sind wenigstens ein paar von den Tonnen befeuert. Zu unserem Bedauern spinnt auch noch das neue Echolot und gibt uns keine vernünftigen Angaben über die Wassertiefe! Es wird Zeit, dass ich als Skipper meine Verantwortung für die Ansteuerung übernehme und das Steuer abgebe.
Wir bergen die Fock und werfen die Maschine an, Volker übernimmt das Steuer. Ich gehe unter Deck und versuche, mich in die Navigation hineinzufinden. Es ist nicht einfach, wenn man über 6 Stunden von den Seen "hypnotisiert" wurde, die Brille so voller Salz ist, dass man kaum noch die Karte sehen kann - ich habe mit einem meiner Grundsätze gebrochen: sich als Skipper für die Ansteuerung immer fit zu halten, besonders an einer Leeküste! Ich brauche einige Zeit, um meine Gedanken zu ordnen. Wenigsten ist unsere Hoffnung, ruhigeres Wasser zu finden, an der Nordküste von Walcheren erfüllt worden und die Crew ist schon dabei, mit dem Scheinwerfer nach unbefeuerten Tonnen Ausschau zu halten. Wir versuchen die Fahrt zu verringern, aber selbst ohne eingelegten Gang laufen wir mit bloßem Mast 5 Knoten. Detlef mach den Vorschlag, unser Radar einzuschalten - gute Idee denke ich, aber die Tonnen sind scheinbar zu klein im Verhältnis zu den Wellen und haben keinen Radarreflektor - ich erkenne auf dem Radarschirm überhaupt nichts!
Ich gebe Steueranweisungen, so dass wir nach Kartenplotter im Fahrwasser bleiben und vergleiche unsere Position mit den Koordinaten der Tonnen. So kann ich frühzeitig Warnung geben und die Crew findet zum Glück eine Tonne mit dem Scheinwerfer. Die einzige Tonne, die am Ende des Fahrwassers befeuert ist, ist eine Kardinaltonne Ost. Das 3-malige Funkellicht haben wir schnell ausgemacht und können mit dessen Hilfe die letzten Tonnen ohne Zwischenfall passieren. Jetzt haben wir es fast geschafft - Osttonne backbord liegen lassen und dann Kurs 013° über Grund auf eine befeuerte rote Tonne zu und da sind schon die Lichter des Richtfeuers für die Einfahrt in den Vorhafen der Roompotschleuse. Leider macht die Schleuse um 22.00 Uhr zu und wir haben jetzt kurz vor Mitternacht - aber ich erinnere mich, dass es Liegeplätze vor der Schleuse gibt. Nur, wo sind sie? Langsam ergeben sich die Konturen und wir sehen den Schwimmponton - aber alles belegt, oder? Zum Glück erfasst die Crew einer holländischen Stahl-Segelyacht schnell unsere Lage und lotst uns mit der Taschenlampe längsseits.
Wir sind angekommen!
Information:
Crew: Jutta Froning, Detlef Hänel, Volker Stappen, Ralph Pietzsch
Skipper: Peter Donnison
Mit der Hallberg Rassy 352 "Jonathan" segeln wir die 125 Seemeilen von Southend nach Roompot in 17,5 Stunden - eine Durchschnittgeschwindigkeit von 7,1 kn bei einer theoretischen maximalen Rumpfgeschwindigkeit von 7,2 kn.
Bei der Wetterstation in Vlissingen wurden am Samstag den 20. Mai 2006 folgende Windstärken gemessen:
Durchschnitt für den Tag 13,5 m/s = 6 - 7 Bft
Max. Durchschnitt für 1 Std. 19.0 m/s = 8 - 9 Bft
Max. in Böen 25,0 m/s = 10 - 11 Bft
- Der Skipper muss die Ansteuerung einer Küste selbst anschauen. Er darf nicht aus dem Gedächtnis der Karte Entscheidungen treffen
- Es war allen bekannt, dass wir die Ansteuerung nachts machen, deshalb hätte die Ansteuerung rechtzeitig (möglichst in London) geplant werden müssen.
- Eine Überfahrt über die Nordsee sollte so geplant sein, dass eine Nachtansteuerung nicht erfolgt.
- Der Skipper muss sich für die Ansteuerung fit halten.
- Unbefeuerte Tonnen rechtzeitig im GPS oder Kartenplotter eingeben.
- Wir hätten die Wetterentwicklung auch zusätzlich über UKW verfolgen sollen. Allerdings wäre eine Umkehr bereits nach wenigen Stunden nicht mehr möglich gewesen. Wenn man nach Analyse der Wetterlage und Abhören der Wettervorhersage die Entscheidung trifft, bei Westwind um 6 Bft. in Richtung Holland auszulaufen, dann gibt es im Grunde genommen kein Zurück.
- Wir hätten Vlissingen oder Breskens als Ausweichhafen in Betracht ziehen können.
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