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Nicht dass ihr meint, wir hätten da eine Antiquität als Fortbewegungsmittel ausgegraben und zu
Wasser gebracht, weit gefehlt! Im Gegenteil, unser Schiff, eine Bavaria 36 namens AQUARIUS,
war gerade erst sechs Jahre auf dem Bodensee unterwegs, frisch betucht und auch sonst erfreulich
tip-top in Schuss. Die beachtliche Zahl dreihundertzwanzig ergab die Addition der
Lebensjahre der Crewmitglieder: Volker Brinkmann, Heinrich Rudorf, Volker Pfau, dem Captain
Ulli Westermann und die des Verfassers dieser Zeilen. Also fast ein Rentier- und Pensionärsboot.
Wie sich alsbald heraus stellte, jedoch eine illustre und gut harmonierende Gesellschaft.
Aber fangen wir vorn an.
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Seit Monaten geplant, minutiös vorbereitet und allen Gemüts-, Finanz-, Termin- und Temperamentslagen
angepasst, brachte Ulli Westermann als Initiator wieder einmal eine stolze Truppe
von fast 40 Wassersportbegeisterten des KSC und deren Freunden zusammen. Mit erfahrener
Hand und viel Geschick verteilte Ulli die Akteure auf insgesamt acht kleinere und größere Boote,
die in Sipplingen und Überlingen übernommen wurden. Allein schon die für die Crew der
AQUARIUS ergatterten Bahnfahrkarten im ICE mit Platzreservierung für Hin- und Rückfahrt
waren von Ulli ein Meisterstück: Ganze 49,50 € Fahrkosten pro Nase ab und bis Düsseldorf!
Klasse, einfach unschlagbar.
Sipplingen, ein kleines Dörfchen, aber mit großer Bedeutung: Dort wird der Bodensee in großer
Tiefe angezapft und versorgt Millionen von Menschen mit Trinkwasser. Mit Hallo begrüßte
man sich im kleinen Hafen, die Boote wurden übernommen, Gepäck verstaut, noch notwendiger
Proviant gekauft und die ersten Flaschen Bier wurden geköpft. Wie jedoch bereits zu Hause
bei www.wetteronline.de zu erfahren war, sollten die kommenden drei Tage grauslich werden:
Starkregen, zwölf Grad, böiger Wind. Und so war es dann auch. Kaum aus dem Hafen Sipplingen
raus, erfasste uns die erste Regenwand bei vorerst schwachem Wind. Es triefte und es war so
was an nass, dass der Horizont kaum erkennbar war. Oben und unten verschmolzen zu einem
grauen Brei. Auf dem Vorwindkurs nach Meersburg wurde es etwas heller, der Regen ließ
nach, dafür näherte sich von Westen her kommend ein rasch größer werdender Böenkragen.
Das Boot nahm flott Fahrt auf und wir versuchten den ersten Böen auszuweichen, was auch
gelang. Dafür begann es wieder heftig zu regnen. Es war wirklich nicht so prickelnd. Der zweite
Abend wurde dann mit einem Streifzug durch Meersburg und einem anschließenden Essen in
einem Restaurant beendet.
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Der nächste Morgen brachte keine Wetterveränderung: Es regnete weiter. Nach reichlichem
Frühstück hieß es Leinen los und mit leichtem, achterlichem Wind, wurde Kurs Lindau angelegt.
Anfangs lief alles prächtig, aber wer den Bodensee kennt, weiß, dass sich das im Tagesverlauf
in jeder Beziehung ändern kann. Als die Schlosskirche in Friedrichshafen querab lag,
dachten wir bereits an die Mittagsflaute. Aber weit gefehlt: Auf inzwischen Halbwindkurs
erwischten uns kaum vorhersehbare Böen, das Boot
schoss in den Wind und war schwer auf Kurs zu halten.
Zum Segel reffen war keine Zeit, zu schnell begrüßten
wir AEOLUS an Bord. Wir schoben mächtig
Lage und es wurde allen klar, warum der Wassergang
Wassergang heißt: Ganz einfach, weil er bei Lage unter
Wasser steht. Fast begrüßten wir den See im Cockpit.
Der gefierte Traveller brachte etwas Ruhe ins Boot.
Der Gott des Windes beruhigte sich schließlich und ließ
uns bei mäßiger Brise an Langenargen, Kressbronn
und Wasserburg vorbei ziehen. So ist er eben, der See!
Lindau kam in Sicht und Ulli erkundigte sich per Handy,
ob seine acht angekündigten Boote auch wirklich den
zugesagten Liegeplatz erhalten würden. „Na klar,“
hieß es, „kommt nur, und seht zu, wo ihr Platz findet.“
In weit ausholendem Bogen schlichen wir mit langsamer
Maschinenfahrt in die schmale Hafeneinfahrt,
um dort nach einer freien Box Ausschau zu halten.
Die erste Gasse rein, nix frei und wieder raus, die
zweite Gasse rein, auch nix frei auf dem Teller drehen
und zurück, aber dort vor dem klotzigen Finanzamt
am Ufer, da fanden wir bezeichnenderweise für uns
und auch andere Boote einen „Parkplatz“.
Überhaupt, und das betraf eigentlich fast alle Häfen
am Bodensee, waren diese wegen des schlechten
Wetters so rappelvoll, dass kaum Platz für Gastlieger
verfügbar war. Entweder waren die Boxen zu schmal (unsere 36er hatte 3,60 m Breite), die
Wassertiefe wurde bedenklich gering oder man wurde in die allerletzte dunkle Ecke dirigiert.
Die Boxenbreite wurde dann auch mal mit Muskelkraft verbreitert und die Holzdalben auseinander
gedrückt. Unser Ulli war stets erster Mann auf dem Steg, nahm Kontakt mit dem Hafenmeister
auf und wies lautstark Folgeboote ein. Wie auch immer, mit dem Bug voraus machten
wir fest, später allerdings drehten wir das Boot, um mit Heck am Steg Leinen und Springs zu
belegen. Das war bei der gegebenen Steghöhe wirklich sicherer und bequemer.
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Lindau präsentierte sich in grauer Nässe, die Stadt hatte demnach auch eine geringe Touristenfrequenz
zu verzeichnen. Auch wenn, wie in fast jedem Hafen am Bodensee, die „Public
Viewing“-Veranstaltungen zur WM 2010 uns zu dröhnten. Wiederum nach einem umfangreichen
Abendessen in einem Altstadtrestaurant beschlossen wir den Tag. Mit der Bahn,
immerschön am Seeufer entlang, statteten wir am
kommenden Tag dem eindrucksvollen Zeppelinmuseum
in Friedrichshafen einen Besuch ab. Ein absolut empfehlenswerter
Abstecher. Die außerordentlich gute
Präsentation der Exponate, besonders mit einem 1:1
begehbaren Nachbau einer Passagiergondel beeindruckenden
Ausmaßes, läßt Ehrfurcht für das innovative
Denken und der technische Umsetzung vor den
Menschen der damaligen Zeit aufkommen.
Langsam wurde der Himmel heller, es trocknete
zusehens ab und selbst HELIOS zeigte sich ab und zu
zwischen den Wolkenfetzen. Den Pfänder aber, den
bekannten Hausberg von Bregenz mit der viel gerühmten
Aussicht auf den See, konnten wir nur erahnen.
Folglich wurde nur Bregenz per pedes besucht. Die
bekannte Festspielstadt mit luxuriöser Seetribüne,
einer Bühnenplattform mit figürlich Darstellungen
monströsen Ausmaßes war schon sehenswert. Leider
hatte wohl das Seehochwasser und andere Unpässlichkeiten der ganzen Anlage arg zugesetzt,
so dass so etwas wie alpenländische Hektik beim der Wiederherrichtung der Anlagen aufkam.
Schließlich sollte vier Wochen später die Prämiere stattfinden.
Nach bewährtem Zeitraster: 7 Uhr wecken, 8 Uhr frühstücken, 9 Uhr auslaufen, verließen wir
nächsten Tages wohlgemut und frisch gestärkt den beschaulichen Hafen von Bregenz. Ulli
ließ sich nicht den Spaß nehmen, die noch teils schlafenden Nachbarcrew‘s mittels CDBeschallung„
Muss‘ i‘ denn – muss‘ i‘ denn zum Städtele hinaus ... „ aus den Kojen zu locken.
Eventuelle Proteste vernahmen wir nicht mehr, wir tuckerten bereits mit null Brise an Lindau
vorbei. Der See präsentierte sich wie Öl, so glatt war seine Oberfläche. Man richtete sich
bequemein und hoffte auf einen geruhsamen Tag auf dem Wasser mit „Delial“-Faktor 20 usw.
Doch wieder weit gefehlt: Die Gefahr kam nicht mehr von oben, sonders diesmal lauerte der
Feind kaum sichtbar knapp unter der Wasseroberfläche. Vater Rhein hatte alles, was nicht
niet- und nagelfest an seinen Ufern stand, mitgerissen und Unmengen von Treibholz in den
See getragen. Ein paarmal rumpelte es mächtig am Bug, armdicke Äste, meterlange Baumstämme
mit Wurzeln und undefinierbarer Unrat bildeten ein wahres Minenfeld. Der Mann im
Bugkorb hatte gut zu tun, um evtl. Schäden an Rumpf, Ruder und Antrieb zu vermeiden. Das
zog sich hin bis in die Mitte des Sees, querab von Romanshorn.
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Ach ja, die Segel wurden auch mal wieder gesetzt und ein jeder versuchte seine Weisheiten
zum Segeltrimm beizutragen. Teils achterlich, teils halb von Back- oder Steuerbord kam die
laue Thermik und ließ Großbaum und Vorsegel ständig hin und her schlagen. Schluss aus, so
geht das nicht, eine Spiere muß her. Aber woher? Den verlängerten Bootshaken mit zwei
Schlägen am Schothorn befestigt und schon stand die Fock schön offen. Der Bullenstander
hielt den Baum auf entgegengesetzter Seite, wir hatten einen prima Schmetterling und machten
sowas wie zwei Komma soundsoviel Knoten Fahrt. Zwei Leute der Crew wuselten in der Pantry
herum und kamen nach einer viertel Stunde mit Tellern bewaffnet und der bekannt-pikanten
„Dauser“ Erbsensuppe in die Plicht. Herz, was willst Du mehr! Als dann fahrtmäßig gar nichts
mehr lief, stellten wir fest, der Wind hat gedreht und kam von vorn. Also runter mit den Provisorien,
Segel dicht holen, etwas nach Steuerbord abfallen und Kurs dorthin, wo unterhalb von
Schloss Hersberg einheimische Jollen scheinbar Lage schoben. Aber Achtung: Wir kreuzten
zwei stark befahrene Routen der Berufsschifffahrt (So ein Quatsch: dreimal fff!). Ständige
Peilungen, abschätzen der Fährgeschwindigkeiten, kaum ist ein Schiff vorbei, schon liegt das
nächste auf unserem Kurs. Also immer schön Abstand halten, die Dinger sind schneller als
man denkt. Unser nächstes Ziel war Hagnau.
Dieses Örtchen stellt ein Zentrum des Weinbaues dar. Das milde Klima am Bodensee kommt
auch den Weinreben zugute. Föhnwinde fächeln den Trauben Wärme zu, der See reflekiert
das Sonnenlicht, denn rund um Meersburg und Hagnau weisen die Hänge nach Süden. Aus
Müller-Thurgau, Spätburgunder und Grauem Burgunder werden köstliche Tropfen gekeltert,
die Seltenheitswerte haben. Ulli hatte für die gesamte Flottillenbesatzung bei der Winzereigenossenschaft
Hagnau eine Einführungsstunde in die hohe Kunst des Weinanbaues und des
Kelterns organisiert. Natürlich wurde auch probiert und ein jeder dachte für sich still, schmecken
muß er, wie ich das will ...
An Bord geköchelt wurde zumindest bei uns nicht
viel, daher endete dieser Abend auch wieder in einem
Restaurant bei Bodenseefelchen und hausgemachten
Spätzle. Bei inzwischen strahlendem Sonnenschein
nahmen wir am nächsten Tag Kurs auf Konsch-tanz, wie
wir uns belehren lassen mußten und ließen unserer
AQUARIUS auf gemäßigtem Am-Wind-Kurs freien
Lauf. Diesmal in nächster Nähe vorbei an der Blumeninsel
Mainau, dort wo der Herr Bernadotte zu Hause
ist und sein paradiesisches Kleinod eingerichtet hat.
Die Thermik suchend liefen wir zurück Richtung Seemitte
und siehe da, plötzlich war er wieder da, der
Föhnwind. Unvermittelt traf er uns auf nur kurzer
Distanz mit 24 Knoten und wir machten sagenhafte
6,5 Knoten Fahrt, wunderbar. Die Spitze des Bodanrückens
ließen wir Steuerbord liegen und folgten aus
Sicherheitsgründen, unter Motorkraft laufend, der
schmal betonnten Hafeneinfahrt nach Konstanz. Ja,
da ragte sie zwischen dem Masten-Wirrwarr hervor, die
sagenhafte Dame auf drehbarem Sockel. Von Balzac literarisch
verbrämt, beschäftigt sie offenbar die Phantasien
der Menschen bis in unsere Tage. Als einziges Hurendenkmal
erinnert die Skulptur an das Kirchenkonzil in
Konstanz von 1414 – 1418. Aber im Ernst: Neun Meter
hoch, aus Bronceguss, achtzehn Zentner schwer, links
und rechts zwei Jammergestalten in den Händen, den
Kaiser und den Papst. Stellvertretend für ihre Berufskolleginnen wurde und wird sie die
„Hübschlerin“ oder auch Imperia genannt.
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Nach nicht ganz einfachen Hafenmanövern, den üblichen guten Ratschlägen Unbeteiligter
und Irritationen beim dortigen Hafenmeister, hatte nach einiger längerer Zeit jedes Boot von
uns seinen Platz gefunden.
Konsch-tanz: ganz einfach wunderbar, diese Stadt. Unser KSC-Mitglied Carsten Schoenen
führte uns sachkundig durch die von Kriegen weitgehend verschont gebliebene, Gediegenheit,
Wohlstand und Jugend ausstrahlende Stadt. Man fühlt sich fast wie am Mittelmeer, besonders
am Hafen, wo der warme Seewind bläst. Nette Gassen, witzige Brunnen, jede Menge Straßencafés,
Kulturzentren, Museen, das spannende Sea-Life-Center am Hafen. Und eine ganz tolles
Segelzentrum mit hervorragender Gastronomie. Fahrt mal hin, ihr werdet staunen!
Nun, der vorletzte Tag unseres Bodenseetörn brachte uns an Meersburg vorbei nach Unteruhldingen,
einem beschaulichen, kleinen Hafen, ganz in der Nähe der weltberühmten Pfahlbau-
Replikas aus Vorzeiten. Wir hatten nochmals einen schönen Segeltag, waren voll der
nachhaltigen Erlebnisse und begaben uns am Nachmittag zu Fuß zu dem barocken Kleinod
Klosterkirche Birnau, ein Fortissimo aus Farben, Erkern und Nischen. Ein begehrter Ort für
Hochzeiten, wegen der langen Wartezeiten leider keine Kirche für Kurzentschlossene. Mit
einem Ausblick über den See und dieser herrlichen, gottgesegneten Landschaft nahmen
besinnlichenAbschied.
Der Abschiedstag brachte ein wenig Unruhe, private Dinge mußten gepackt und auf Autos von
anderen Törnmitgliedern verteilt werden. Die Boote wurden gereinigt, schließlich sind wir ja
alle ordentliche Segler. Die Abnahme erfolgte deswegen auch erwartet easy. Alle waren
zufrieden und neue Crews fremder Vereine standen bereits auf den Stegen. Zum letzten Mal
sagte man adieu, man wünschte sich gute Heimfahrt und für die Crew der AQUARIUS begannen
lange Stunden des Wartens. Die Bahn fährt eben nach Fahrplan und in Sipplingen nicht im
Halbstundenrhythmus, wie wir das aus unseren Breiten kennen. Und das ist auch gut so.
Tschüs Bodensee, es war Klasse bei Dir!!!
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Was sonst noch so passierte und erwähnenswert ist: Grundsätzlich stellten wir fest, dass die
Häfen zwar unterschiedlich technisch ausgestattet waren, aber alle waren ordentlich geführt,
die Wasch- und Duschanlagen waren meist vorbildlich, die „Keramikabteilungen“ sauber,
wenn auch manchmal zu wenig an Zahl. Vor allem morgens, aber das ist ja immer so. Ob man
sich in den Häfen irgendwann einmal auf einheitlichen Zugang der Dusch- und Waschanlagen
einigt? Man braucht entweder eine Duschmarke, einen Fünfziger, einen Euro oder auch gar
nichts. Und oft hat man nicht das richtige dabei und muß zurück zum Boot oder zum Hafenbüro.
Sehr gut waren überall die Spüleinrichtungen für Geschirr, Pfannen, Töpfe usw., da
wurden die Fäkalientanks in den Booten entlastet.
Ein Klasse-Törn, bestens von Ulli‘s bewährter Hand organisiert, eine gute Kameradschaft auf
den Booten und seglerisch gewollt nicht allzu anspruchsvoll. Die Kombination von segeln,
Land, Leuten, Kultur und Landerlebnissen war super und genau das, was die meisten Teilnehmer
am Bodensee sich vorgestellt hatten. D a n k e an alle, die dazu beigetragen haben.
Bericht von .
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